ASIEN Süß-Sauer: ‚Inspiring People‘ Sirikan Charoensiri – Thailands Zivilgesellschaft vor Gericht

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Charoensiri 2015, nachdem ihre Fingerabdrücke genommen wurden.

Thailands Zivilgesellschaft hat dieser Tage einen schweren Stand. AktivistInnen fordern die Demokratie zurück, fordern ein Ende der politischen Bevormundung durch Militär und Königshaus – und die Wahrung ihrer grundlegenden Menschenrechte. Nicht selten werden sie dafür verhaftet.

Am 22. Mai 2014 übernahm das thailändische Militär in einem unblutigen Putsch die Regierungsgewalt und löste das demokratisch gewählte Parlament auf; im Zuge dessen wurde ein Militärrat, das National Council for Peace and Order (NCPO), mit Vollmachten ausgestattet, welcher bis zu einer – eigentlich für 2016 angesetzten, dann aber auf frühestens 2018 vertagten – Verfassungsreform die politischen Geschicke des Landes lenkt. Der Vorsitzende des NCPO, Prayuth Chan-o-cha (Ex-Militär und konservativer Königstreuer), verhängte umgehend den Ausnahmezustand und erließ eine Interrims-Verfassung, die unter anderem „Versammlungen zu politischen Zwecken“, aber auch Kritik an der NCPO, an Chan-o-cha selbst oder an dem Verfassungsentwurf unter Strafe stellte. Eigens für diese Fälle wurden Militärgerichte eingesetzt, die auch gegen Zivilisten tagen.

„Ich wusste, Menschen würden Beistand benötigen.“

Kurz nach dem Militärputsch gründete Sirikan Charoensiri, eine thailändische Anwältin, zusammen mit Kollegen die Vereinigung Thail Lawyers for Human Rights (TLHR), mit dem Ziel, Menschen, die unter dem Ausnahmezustand verhaftet und angeklagt wurden kostenlose Rechtsberatung zur Verfügung zu stellen und sie gegebenenfalls auch zu verteidigen: „Ich wusste, Menschen würden rechtlichen Beistand benötigen. Also gründeten wir TLHR“, so Charoensiri.

Und die Zahlen geben ihr Recht: Seit Mai 2014 hat sich die Zahl der Anklagen wegen Majestätsbeleidigung verdreifacht; die Zahl derer, die seit 2014 dafür inhaftiert wurden, hat sich gar verachtfacht. Unter der NCPO ist Paragraph 112, der Majestätsbeleidigung in Thailand unter Strafe stellt, zu einem Instrument geworden, um jedwede unliebsame Stimme zum Schweigen zu bringen. Kritik am Militär und Kritik am Verfassungsentwurf werden gleichgesetzt mit Kritik am Königshaus. Es scheint, als sei die dreifache Staatsdoktrin von König, Buddhismus, und Thainess entscheidend erweitert worden. Inzwischen gilt: König und Militär, Buddhismus und Thainess.

Am 26. Juni 2015 sollte Sirikan Charoensiri, zusammen mit einigen Kollegen der TLHR, eine Gruppe von StudentInnen vertreten, die am selben Tag verhaftet worden waren. Die Studierenden, 14 an der Zahl, sind Mitglieder der 2014 gegründeten studentischen Gruppierung New Democracy Movement (NDM), die seit ihrer Entstehung wiederholt zu friedlichen Zusammenkünften aufgerufen hatte, um durch gewaltlosen Widerstand gegen die Militärdiktatur zu protestieren. Am 22. Mai 2015, zum ersten Jahrestag des Putsches, organisierte NDM eine Gedenkveranstaltung, die von Ordnungskräften aufgelöst wurde. Die beteiligten Mitglieder wurden verhaftet, jedoch kurze Zeit später wieder freigelassen.

„Und ich fragte mich: Bin ich bereit, eine Menschenrechtsanwältin zu sein?“

Kaum einen Monat später wurden sie erneut in einer groß angelegten Razzia verhaftet, der Volksverhetzung und der illegalen politischen Zusammenkunft angeklagt und vor ein Militärgericht gestellt. Charoensiri beriet sich vor der Fahrt zum Gefängnis mit ihren Klienten und begleitete sie; Misshandlung und Folter sind bei polizeilichen Verhören in Thailand längst keine Seltenheit mehr. Auf der Polizeistation angekommen, sollte Charoensiri einer (willkürlichen) Durchsuchung ihres Wagens zustimmen, gegen die sie sich zunächst weigerte. Ihr war bewusst, dass sich dort die Mobiltelefone ihrer Klienten, wie auch vertrauliche Akten zu anderen Fällen befanden: „Ich erklärte, ich würde Strafanzeige wegen Amtsmissbrauch stellen. Der Stationsdirektor entgegnete, man würde mich im Gegenzug mit einer Vielzahl von Gegenklagen überziehen – und ich fragte mich: Bin ich bereit, eine Menschenrechtsanwältin zu sein?“ Die Durchsuchung ihres Wagens wurde schließlich während ihres Aufenthalts auf der Polizeistation durchgeführt. Ohne ihr Einverständnis.

Die Verteidigung der Mitglieder von DM sollte Charoensiris erste Verdeitigung für TLHR werden. Doch seit 2014 wird immer klarer, dass die Verflechtung von Militär und Polizeit für die thailändische Zivilgesellschaft ein lange nicht mehr dagewesenenes Maß an Repression bedeutet. Sirikan Charoensiri wurde im Mai und Oktober 2016 der Volksverhetzung, der Anstriftung zur illegalen politischen Versammlung und der Beweisvereitelung angeklagt. Zudem erhielt sie auf ihre Beschwerde hin eine Anzeige wegen falscher Verdächtigung. Ihr, der Rechtsanwältin, werden nun unter anderem die Dinge vorgeworfen, die auch ihren Klienten vorgeworfen werden. Sollten diese Anklagen vor einem Militärgericht verhandelt werden, so drohen der 29-Jährigen bis zu 15 Jahre Haft.

Der Fall Sirikan Charoensiri ist beispielhaft für Thailands demokratischen Rückschritt

Doch auch andere AktivistInnen, die in den Augen des Militärs der NDM zu nahe stehen oder ein zu positives Licht auf sie werfen, sind Zeugnis der massiven zivilgesellschaftlichen Unterdrückung: Baramee Chaiyarat, Vorstandsmitglied bei Amnesty International Thailand wurde für seine Berichterstattung und Unterstützung von NDM ebenfalls der Volksverhetzung angeklagt. Im Juli 2016 wurde ein Journalist, der ein Portrait über NDM anfertigen wollte und mit der Gruppe gesehen wurde, für kurze Zeit verhaftet.

Indes gibt Sirikan Charoensiri ihre Zivilcourage und ihre Hoffnung auf eine Rückkehr Thailands zur Demokratie nicht auf: „Ich bin nicht entmutigt. Wenn ich die Prinzipien verwerfe, die ich vertrete – was würden meine Klienten von mir denken? Und wer würde sie dann vertreten?“ Derzeit darf sich die Menschenrechtsanwältin frei bewegen, spricht für Organisationen wie FORUM ASIA und TLHR auf internationalen Konferenzen. Im Mai dieses Jahres wird ihr der niederländische Lawyers for Lawyers-Preis verliehen für ihren „unterschütterlichen Mut und ihren rückhaltlosen Einsatz“. Und für die Tatsache, dass sie „die Aufmerksamkeit auf die derzeitige Menschenrechtssituation in Thailand lenkt, die im Westen relativ unbekannt ist.“

Ihr Fall ist geradezu beispielhaft für die demokratischen Rückschritte, die Thailand seit 2014 gemacht hat – und in gleicher Weise ein Beispiel für die Ausdauer der thailändischen Zivilgesellschaft.

Manuel Navarrete Torres

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ASIEN Süß-Sauer: ‚Inspiring People‘ José Ramos-Horta: Aktivist, Politiker, Friedensnobelpreisträger

José Ramos-Horta und Osttimor. Kaum eine andere Person eignet sich besser, um die Geschichte des noch recht jungen Inselstaats darzustellen und kaum ein anderer hat auf so unterschiedliche Art und Weise zu der Bildung und Entwicklung des Landes beigetragen. Die Funktionen und Ämter, die er in seinem Leben schon innehatte, bilden eine lange Kette von Aufzählungen: er begann als Journalist, gründete eine Partei, war Aktivist, Menschenrechtsverteidiger und Friedenskämpfer, bekleidete nacheinander die Ämter des Außenministers, Premierministers, des Präsidenten; er erhielt den Friedensnobelpreis, wurde für das Amt des UN-Generalsekretärs vorgeschlagen und war UN-Sonderbeauftragter für Guinea-Bissau. Er wurde von Rebellen angeschossen, lehrt an verschiedenen Universitäten und träumt davon, in Zukunft Kinderbücher zu schreiben.

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Der circa 400 Jahre von Portugal kolonisierte Instelstaat Osttimor erlebte durch die im Jahre 1974 ausgeborchenen Nelkenrevolution im portugiesischen Festland eine plötzliche Veränderung der politischen Verhältnisse, nachdem die Wurzel antikolonialen Denkens in der Bevölkerungs bereits auf das Jahr 1959 datiert werden kann. Der geplante Übergang zu einer unabhängigen Nation wurde 1975 von einem Bürgerkrieg zwischen den ein Jahr zuvor gegründeten Parteien UDT und ASDT (später FRETILIN) überschattet. Dabei unterschieden sie sich grundlegend in ihren Zukunftsvorstellungen für das Land: die UDT strebte eine enge Bindung mit Portugal an, wohingegen die sozialdemokratische, von manchen (Indonesien, USA) als kommunistisch klassifizierte FRETILIN eine schnelle Unabhängigkeit als Ziel hatte. Sekretär für Außenbeziehungen war zu dieser Zeit José Ramos-Horta. Die dritte zu dieser Zeit entstandene Partei, APODETI, befürwortete einen Anschluss an das benachbarte Indonesien. Eben jenes Indonesien, das es mittels Intrigen durch den Geheimdienst Bakin schaffte, einen Bürgekrieg zwischen den Parteien zu initiieren, bei dem es durch die FRETILIN zu massiven Menschenrechtsverletzungen kam, die erst, wenn überhaupt, in der letzten Zeit aufgearbeitet wurden. Für Indonesien stellten die Unruhen in Osttimor einen Vorwand dar, um das Land mit der Begründung, dass Osttimor ein „Sicherheitsrisiko“ im Sinne der Dominotheorie darstelle, zu annektieren. Obwohl die FRETILIN das unabhängige Osttimor ausrief, wurde das Land Ende 1975 von indonesischen Truppen besetzt. Drei Tage vor dieser Annexion reiste Ramos-Horta mit 25 US-Dollar in der Tasche nach New York, um den UN-Sicherheitsrat um die Anerkennung Osttimors als Staat zu bitten. In der Folgezeit machte er immer wieder auf die Menschenrechtsverletzungen seitens der indonesischen Armee aufmerksam, die während der 30-jährigen Annexion Schuld an bis zu 200.000 Toten (knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung) trug, wurde ständiger Vertreter der FRETILIN bei den Vereinten Nationen und kämpfte einen schier endlosen Kampf für Frieden in und Freiheit für Osttimor. Nebenbei studierte er in dieser Zeit Völkerrecht, Menschenrecht, Amerikanische Außenpolitik und Peace Studies. Seine Bemühungen um eine friedliche Beilegung des Konflikts mündeten im Jahre 1996 in die Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn, den er sich mit Carlos Filipe Ximenes Belo, einem osttimoresischen Bischof, der sich ebenso für Frieden in seiner Heimat einsetzte, teilte.

Währenddessen war das Land jahrelang von der Öffentlichkeit abgeschottet und erst im jahre 1988 wieder für Journalisten zugänglich. Diese Tatsache machte es jedoch erst möglich, dass ein Massaker an friedlichen Demonstranten im Jahre 1991 der internationalen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte. Die darauffolgende Entrüstung darüber mündete – zusammen mit Faktoren wie dem Zusammenbruch der UdSSR und dem Abtritt des indonesischen autoritären Präsidenten Suharto – in ein Referendum über die Unabhängigkeit des Landes, die eine überwältigende Mehrheit herbeisehnte. Überschattet wurde die Wahl von pro-indonesischen Milizen, die nach der Auszählung 85% der Gebäude Osttimors aus Wut niederbrannten, woraufhin 1999 die Vereinten Nationen die Verwaltung Osttimors übernahmen. Ramos-Horta kehrte in seine Heimat zurück, um Außenminister der Übergangsregierung zu werden. Nach der Unabhängigkeit 2002 wurde er zudem Verteidigungsminister, nachdem sein Vorgänger aufgrund von Unruhen in Osttimor sein Amt niedergelegt hatte. Kurz darauf wurde er Premierminister, daraufhin Präsident des jungen Landes.

Zu betonen ist jedoch auch, dass Ramos-Horta mitnichten von Gewalt und Chaos verschont geblieben war. So verlor er während der Besatzungszeit Indonesiens mehrere Familienmitglieder und wurde 2008 von Rebellen in seinem Haus überfallen und erlitt schwere Schussverletzungen. Gram lässt er dennoch nicht aufkommen, da er der Ansicht ist, dass ohne Versöhnung kein Fortschritt möglich sein, auch wenn der Schmerz tief sitze

Heutzutage ist José Ramos-Horta international tätig und engagiert sich global für die Stärkung demokratischer Strukturen und die Lösung von Konflikten. Trotz dieses bewegten Lebens sagt er bescheiden über sich selbst: „Mein politisches Engagement ist bloß dem Zufall der Geschichte geschuldet.“

 

Kathrin Spenna

Veranstaltung: OPEN SouthEast ASIA Workshop

Data. Networks. Civil Society. Southeast Asia.

Am Freitag und Samstag, den 19. und 20. Mai, findet ein Workshop zum großen Themenfeld „Open Data“ und seine praktische, zivilgesellschaftliche Anwendung in Südostasien. Gastgeber sind die Südostasien-Informationsstelle des Asienhauses und die Abteilung für Südostasienwissenschaften und der Workshop findet in den Räumen des Forum Internationale Wissenschaft (Heussallee 18-24) statt.

Anmelden könnt Ihr euch zu dem Workshop hier. Das gesamte Programm könnt Ihr hier anschauen.

 

Eure Asienhaus HSG Bonn

Manuel Navarrete Torres

Indonesien: Zwei Jahre Haft für Blasphemie

Gott vergibt, die Justiz in Indonesien aber nicht

 

Harte Zeiten für ethnische und religiöse Minderheiten in Indonesien: am Dienstag ist der Gouverneur Jakartas, Basuki Tjahaja Purnama, genannt Ahok, zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Der Grund: er soll sich laut Richterurteil der Gotteslästerung schuldig gemacht haben. Während des Wahlkampfes zur Wiederwahl als Gouverneur Jakartas hatte Ahok, der chinesischen Migrationshintergrund hat und Christ ist, im vergangenen September auf eine Sure (al-Maidah 5:51) im Koran verwiesen, die von seinen Gegner*innen zitiert worden war, da sie laut ihnen nicht erlaube, für einen Nicht-Muslim zu stimmen. Darauf Bezug nehmend erklärte er: „Insgeheim, meine Damen und Herren, denken Sie vielleicht, dass Sie mich nicht wählen können, weil Sie von dem Gebrauch der Sure al-Maidah 5:51 belogen worden sind […] Also, wenn Sie nicht für mich stimmen können, weil Sie Angst haben müssen, in die Hölle verdammt zu werden, fühlen Sie sich nicht unsicher. Sie werden hereingelegt. Es ist in Ordnung.“ Er hatte somit lediglich die missbräuchliche Verwendung von Koranversen durch seine politischen Gegner kritisiert.

Ahok, der erste nicht-muslimische Gouverneur Jakartas seit 50 Jahren und der erste mit chinesischen Wurzeln in dem mehrheitlich muslimischen Inselstaat Südostasiens, wurde in diesem Zusammenhang vor allem Opfer radikaler muslimischer Gruppierungen, wie der Front Pembela Islam (FPI, Front zur Verteidigung des Islam) und der direkten und bewussten Streuung von fake news. So geriet ein editiertes Video in Umlauf, das den Anschein erweckte, als ob Ahok den Koran direkt kritisiere und nicht etwa die Instrumentalisierung durch radikale Gruppen. Die Tatsache, dass dieses Video weniger eine Aufzeichnung seiner Rede als ein politischer Molotowcocktail war, trat in den Hintergrund, als sich in den vergangenen Monaten hunderttausende Demonstranten auf den Straßen Jakartas zusammenfanden, um für Ahoks Strafverfolgung zu protestieren. Die Mischung aus Nicht-Muslim, vermeintlicher Kritik am Koran und ethnischer Andersartigkeit bot seinen Rivalen somit eine perfekte Grundlage, um die Stimmung gegen ihn anzuheizen. Die Ausschreitungen gegen Nicht-Muslime und die chinesische Minderheit im Land weckt dabei Erinnerungen an vergangene Zeiten (1965, 1998), in denen anti-chinesische Pogrome passiert waren.

Gründe für die derzeitige politische und gesellschaftliche Situation ist unter anderem in ökonomischer Ungleichheit begründet – die vor allem in einer Megacity wie Jakarta spürbar ist. Allein am Stadtbild ist die soziale Ungleichheit erkennbar, denn während die Mittelschicht Sicherheit und einen angemessenen Lifestyle in sogenannten gated communities sucht, sammelt sich die Unterschicht in kampungs (Siedlungen mit dorfähnlichen Strukturen) im Norden des urbanen Raums, in Sichtweite zu luxuriösen Appartements.

Wie auch im Rest der Welt nährt sich Populismus aus der Angst vor ökonomischer Unsicherheit und kulturellen und sozialen Spannungen, ganz wie ein Blutegel sich am Blut seiner Opfer labt. Während sich Ahoks neoliberales Programm eher an die aufstrebende Mittelschicht schmiegte, fanden seine Rivalen in den ökonomisch schwachen Schichten Anklang, die Heterogenität präferieren und „elitären Pluralismus“ ablehnen.

Die Gouverneurswahl am 19.April verlor Ahok im Übrigen bereits gegen seinen Gegner Anies Baswedan, der zwar nicht als muslimischer Fundamentalist gilt, sich aber bereits gemeinsam mit dem Leiter der FPI beim Gebet ablichten ließ.

Blasphemie kann in Indonesien mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden, allerdings wurde der Paragraph nur selten angewendet. Menschenrechtsgruppen kritisieren allerdings, dass er seit einigen Jahren zur Verfolgung von Minderheiten missbraucht werde. Interessant ist überdies, dass das Gericht sogar über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinausging. Diese hatte eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren gefordert. Der vorsitzende Richter begründete dies damit, dass Ahok sich „nicht schuldig gefühlt“ habe. Mit seiner Tat habe er „Angst geschürt und Muslime verletzt“.

 

Weitere lesenswerte Artikel zu dem Thema:

Timo Duile: Reactionary Islamism in Indonesia

Ian Wilson: Jakarta: Inequality and the Poverty of Elite Pluralism

 

Kathrin Spenna

ASIEN Süß-Sauer: ‚Inspiring People‘ Triumph des Filmens: Der chinesische Filmemacher Zhang Yimou

Mit nackten Körpern, deren Posen ihre ausdefinierten Muskeln in statuenhafter Ästhetik darbieten, inszenierte Leni Riefenstahl einst den Anfang ihres berühmten Propagandafilms „Olympia“ über die Olympiade 1936 in Berlin. Seitdem wurden Filmregisseure immer wieder von Olymiaden angezogen, um den Bombast, der dieses Ereignis und seine Sportler umgibt, festzuhalten. Den Vergleich mit Riefenstahl jedoch musste sich nur Zhang Yimou gefallen lassen, als er 2008 die Eröffnungsfeier der Olympiade in Peking inszenierte. Zu ähnlich lag, dass Ästhetik für propagandistische Zwecke genutzt wurde, damit ein Regime, dessen Menschenrechtsverletzungen so ganz und gar nicht dem olympischen Geist entsprachen, sich selbst feiern konnte. Andere, wie der amerikanische Regisseur Steven Spielberg, der zunächst mit Zhang Yimou zusammenarbeitete, hatten sich im Vorfeld unter Protest zurückgezogen.

Für Zhang Yimou war es nicht das erste Mal, dass er sich vorwerfen lassen musste, seine Kunst dem Regime Pekings anzubiedern oder Handlanger von dessen Propaganda zu sein. Warum gerade er diese auch internationale Emporung hervorrief, lässt sich nur verstehen, wenn man seinen Werdegang betrachtet, der einen zwangsläufig vor Fragen stellt.

1982 schließt eine Gruppe von Filmemachern ihr Studium an der Filmakademie von Peking ab, die man allgemeinhin die Fünfte Generation nennt. Ihre Filme setzen sich kritisch mit der oft von Diskriminierung und Leid geprägten eigenen Erfahrung der Kulturrevolution in China auseinander; genauso betrachten sie aber auch die rasanten zeitgenössischen Entwicklungen und die daraus entstehenden Probleme. Auch Zhang Yimou gehört der Fünften Generation an, kam jedoch nur durch Umwege an die Filmakademie. Seine Eltern waren aus politischen Gründen verhaftet worden und er musste in der ländlichen Provinz den Lebensunterhalt der Familie besorgen.

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So ist es nicht überraschend, dass sich sein erster Film „Rotes Kornfeld“ von 1987 auch mit dem ländlichen China auseinandersetzt. Der Film wurde direkt mit zahlreichen internationalen Preisen bedacht, in China selbst jedoch wurde der Film kontrovers diskutiert, stellt er doch das Leben und Denken der chinesischen Bevölkerung als einfach und primitiv dar. Dennoch reichte man ihn als Beitrag bei den Oscars ein, wie es noch oft mit Zhang Yimous Filmen geschehen sollte. Sein dritter Film „Die rote Laterne“ wurde schließlich in China dann auch zeitweilig verboten (und auch das sollte nicht der einzige bleiben). Gezeigt wird das Leben einer jungen Frau, die zwangsverheiratet unter dem rigiden Diktat ihres Mannes steht, das durch eine rote Laterne symbolosiert wird. Es braucht nicht viel, um dahinter eine unverhohlene Kritik am kommunistischen System zu erkennen.

Von Kritikern bis heute als einer der besten Filme der 90er Jahre betrachtet (nicht nur in China), muss er wohl als das entscheidende Moment angesehen werden, das Zhang Yimou den Ruf eines Systemkritikers und politischen Filmemachers einbrachte.

Die Aufmerksamkeit war ihm und seinen folgenden Filmen dann gewiss – oft unter denselben Vorzeichen: hochgelobt von ausländischen Kritikern und in der Heimat kontrovers diskutiert oder gleich verboten oder zensiert. Stilistisch sind in dieser Schaffensphase Zhang Yimous vor allem zwei Entwicklungen wichtig: Einserseits die Verwendung von Farben und deren Symbolik als grundlegendes Stilmittel in seinen Filmen, andererseits der Rückgriff auf die traditionelle chinesische Oper, die für Zhang Yimou zunehmend gleichermaßen als inhaltliche, wie visuelle Inspirationsquelle fungierte.

Der vermeintlich große Schock für die Kritiker folgte 2002 mit „Hero“, einem Martial-Arts-Film vor der historischen Kulisse der beginnenden Qin-Dynastie. Opulent und voll ästhetischer Poesie inszeniert, gilt der Film gerade unter Filmschaffenden weithin als cineastisches Meisterwerk. Demgegenüber steht die inhaltliche Grundaussage des Films: Der Einzelne (und vor allem sein Leiden) gilt im Angesicht eines übergeordneten Ziels oder einer entsprechenden Herrschaft nichts. Wo Zhang Yimous frühere Filme die Selbstbehauptung des Individuums im Kontext übergeordneter Hierarchien problematisierten, fordert „Hero“ letztlich die völlige Auflösung des Individuums in übergeordneten Strukturen. Schon im historischen Kontext Qin Shihuangdis erscheint es fragwürdig – als allgemeine Aussage jedoch lässt es sich als Apologie jedweder Tyrannei deuten.

Nicht nur Filmkritiker warfen Zhang Yimou daher vor, dass er damit letztlich auch Dinge wie das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz rechtfertige und auch der Vergleich mit Leni Riefenstahl wurde hier zum ersten Mal bemüht.

Wer nun hoffte, dass Zhang Yimou mit einem Film nachlegen würde, der die Dinge wieder ins rechte Licht rücken würde, lag falsch. Es folgten weitere historische (Martial-Arts-)Epen, die zwar visuell beeindruckend, aber ohne inhaltliche oder gar politische Tiefe waren. Auch die Rückkehr in die jüngere chinesische Geschichte brachte ihm nicht mehr die Anerkennung, die er einst genoss und selbst ein gelungener Film wie „Riding Alone for Thousands of Miles“ wurde auch von seinen Anhängern kaum noch beachtet. Das Gespenst der Systemhörigkeit geisterte durch die Rezeption seiner Filme und Zhang Yimou wurde es nicht mehr los. Seine Beteiligung an der Olympiade 2008 war dann noch einmal Öl ins Feuer seiner Kritiker, die ihn nun endgültig zum Laufburschen der chinesischen Regierung erklärten.

Was seine Kritiker aber bereits bei „Die rote Laterne“ ignorierten, waren Zhang Yimous Erklärungen, dass seine Filme nicht politisch sein sollten. Schon seit Jahren äußert er sich auch nicht über Politik, sondern spricht in Interviews lieber über Bildkomposition und Farbgebung. Als angebliches Vorzeigekind des chinesischen Kinos wurde er zudem nicht davor verschont, eine hohe Geldstrafe für Verstöße gegen die Ein-Kind-Politik zu zahlen. Die Bande zwischen ihm und der chinesischen Regierung sind also keineswegs so eng, wie es manche gerne sähen. Es scheint vielmehr so, dass gerade westliche Kritiker in ihm nur den avantgardistischen Kritiker wie in den 90ern oder aber den Erfüllungsgehilfen der Regierung wie in den 2000ern sehen können. Schon der Schwarzweiß-Charakter dieser Sichtweise macht deutlich, dass sie wohl nicht zutrifft. Vielmehr offenbart sie eine übertriebene Erwartungshaltung an Zhang Yimou als Künstler. Gerade in Bezug auf das Politische müssen diese Erfarung wohl viele Künster machen, angefangen von der Garagenband, der bereits beim ersten selbstgebrannten Album von überalterten Punks der Vorwurf der Kommerzailisierung gemacht wird.

Es verwundert daher nicht, dass sich Zhang Yimou in den letzten Jahren Hollywood und dem gänzlich harmlosen Blockbusterkino zugewandt hat. 2011 erfolgte mit „The Flowers of War“ eine erste Zusammenarbeit mit dem bekannten Schauspieler Christian Bale. Im Dezember 2016 erschien dann mit „The Great Wall“ das Prestigeprojekt chinesisch-amerikanischer Kooperation. Denn trotz Zensurmaßnahmen und anderer politischer Konflikte, sieht Hollywood in China den weltgrößten nationalen Absatzmarkt für seine Filme – und der ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Wie diese Zusammenarbeit sich auf Zhang Yimous Schaffen auswirkt, wird sich erweisen. Hollywood jedoch kann künstlerisch dabei von einer Zusammenarbeit mit einem Regisseur wie Zhang Yimou nur profitieren.

 

Robert Bude

Last Chance: HEUTE Vortrag zu syrischen Flüchtlingen in der Türkei + Veranstaltungshinweis LGBT in Indonesien

Heute noch nichts geplant? Dann kommt um 18 Uhr und lauscht dem spannenden Vortrag von Frau Dr. Ferenschild von Südwind e.V.. Die Veranstaltungsinfos findet ihr hier.

Gleichzeitig möchten wir euch auf eine weitere interessante Veranstaltung aufmerksam machen. Am Dienstag, den 16. Mai um 18:30 Uhr findet eine Diskussion mit Febriana Firdaus und Nadya Karima Melati, zwei indonesischen Aktivistinnen der LGBT-Bewegung aus Indonesien, statt. Febriana Firdaus beleuchtet vor allem die mediale Seite der Berichterstattung von und über Minderheiten, während Nadya Karima Melati die Situation von LGBTs an indonesischen Universitäten erläutern wird. Unser Alumni Timo Duile lädt ganz herzlich in den Seminarraum der Abteilung für Südostasienwissenschaften, Nassestraße 2, ein.

Thema: LGBT(s) in Indonesien

Wann: Dienstag, 16.05., 18:30 Uhr

Wo: Nassestraße 2, Abteilung für Südostasienwissenschaften

 

 

Eure Asienhaus HSG Bonn

Manuel Navarrete Torres

ASIEN Süß-Sauer: ‚Inspiring People‘ Ani Chöying Drölma – „Ich singe für die Freiheit!“

Ani Chöying Drölma ist in ihrer Heimat ebenso bekannt und gefeiert wie ein Popstar. Tatsächlich ist sie jedoch eine Nonne, die mit ihrem Gesang und ihrer Geschichte tausende Menschen berührt.

Ani Chöying Drölma wächst als Tochter von Exiltibetern in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu auf. Ihre Kindheit ist geprägt von ihrem gewalttätigen Vater, der sie und ihre Mutter regelmäßig verprügelt. Früh begreift sie, dass es für ihr zukünftiges Leben nur wenig Perspektiven gibt. Sie fürchtet, heiraten zu müssen und in einer ähnlich gewalttätigen Ehe zu leben wie ihre Mutter, da häusliche Gewalt in Nepal nach wie vor ein großes Problem darstellt.

Einen Ausweg aus der Gewalt und eine Chance auf ein besseres Leben sieht sie mit zehn Jahren in einem Leben als Nonne. Kurzentschlossen tritt sie im Alter von 13 Jahren in das Nagi Gompa Kloster, hoch in den Bergen über Kathmandu, ein. Dies ist der Beginn eines neuen Lebens. Die Aufgabe ihrer Besitztümer und der Abschied von ihrem alten Leben fühlen sich für Ani Chöying Drölma wie eine Befreiung an, das Nagi Gompa Kloster wie das Paradies.

Die nächsten zwölf Jahre verbringt sie im Kloster und wird dort in religiösen Disziplinen unterrichtet. Dazu gehören auch die meditativen Gesänge, welche ein wichtiger Bestandteil des Buddhismus sind. Das Leben von Ani Chöying Drölma nimmt eine entscheidende Wendung, als der amerikanische Musiker Steve Tibbetts in Nagi Gompa zu Gast ist. Als er Ani Chöying Drölma singen hört, berührt ihn ihr Gesang zutiefst und er bittet sie, ihre Stimme aufnehmen zu dürfen. Er unterlegt ihren gesang instrumentalisch und das Ergebnis ist eine erste CD und eine Tour in Amerika. Ani Chöying Drölma wird bekannt als „die singende Nonne“. Seitdem hat sich viel getan – sie hat mehrere erfolgreiche CDs veröffentlicht, gibt weltweit Konzerte und 2008 erschien ihr autobiografisches Buch „Ich singe für die Freiheit“, welches seitdem in 15 Sprachen übersetzt wurde.

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Den Erfolg und die damit einhergehenden finanziellen Mittel nutzt Ani Chöying Drölma, um den Menschen, insbesondere jungen Mädchen, in Nepal zu helfen. In einem Land mit großer Armut und einer Analphabetenrate von 80 Prozent unter den Mädchen und Frauen möchte sie etwas bewegen. Darum gründet Ani Chöying Drölma bereits nach ihrem ersten Erfolg 1998 die Nuns Welfare Foundation. Im Jahr 2000 eröffnet sie die Arya Tara-Nonnenschule, die 2007 noch erweitert wurde. Mit diesem Projekt wirkt sie der weiterbestehenden Benachteiligung von Mädchen im Bildungsbereich entgegen. Der Anteil von Frauen mit Schulbildung beträgt in Nepal nur etwa 24%, verglichen mit beinahe 60% der Männer.

Ani Chöying Drölma möchte besonders Mädchen aus ähnlichen familiären Verhältnissen wie den ihren eine Chance auf ein besseres Leben bieten. Deshalb werden die ca. 80 Schülerinnen der Arya-Tara-Schule nicht nur in den traditionellen Buddhistischen Lehren, sondern auch in Englisch, Nepalesisch, Mathematik, Naturwissenschaften und dem Umgang mit Computern unterrichtet. Einige Arya-Tara-Absolventinnen besuchen später sogar die Universität, eine unvergleichbare Möglichkeit für die Mädchen. Nachdem ihre Mutter an einer Nierenkrankheit verstarb, gründete sie die Aarogya Foundation, die Menschen mit Nierenkrankheiten hilft und brachte die Regierung dazu, die Dialyse für Arme kostenlos durchzuführen. 2014 wird Ani Chöying Drölma Nepals erste UNICEF National Botschafterin mit der Aufgabe junge NepalesInnen vor Gewalt zu schützen.

Es ist jedoch nicht jeder mit der unkonventionellen Nonne einverstanden, die durch die Welt reist und Konzerte gibt. Auch wenn sie buddhistische Mantras singt und der Erlös stets in ihre sozialen Projekte fließt. 2011 bietet sie einer jungen Nonne Schutz, nachdem diese nach einer Vergewaltigung aus ihrer Gemeinde ausgeschlossen worden war und riskiert dabei, sich mit der buddhistischen Gemeinschaft in Nepal anzulegen: „She is a human being like everybody else. This could have happened to anybody. […] The most important thing is to treat her like a human being and then later we can look into the matter of wheter she is still a nun“, ist ihre Meinung zu der Angelegenheit. In einem Land wie Nepal, in dem das Patriarchat herrscht, ist Ani Chöying Drölma, die eine komplette Unabhängigkeit erreicht hat, eine Hoffungsträgerin für junge Frauen und Mädchen.

 

Leonie Muschner