Lahat tayo posibleng drug pusher – Ihr alle seid mutmaßliche Drogenhändler

Lahat tayo posibleng drug pusher – Ihr alle seid mutmaßliche Drogenhändler

Schon vor seiner Wahl zum Präsidenten der Philippinen Ende Juni diesen Jahres schwor Rodrigo Duterte Millionen Drogenabhängige erschießen zu lassen. Die ersten 100 Tage seiner Präsidentschaft scheinen seine Ziele widerzuspiegeln, so wurden einigen Quellen zufolge schon über 3000 Menschen auf offener Straße erschossen. War die Menschenrechtssituation auf den Philippinen bereits vor der Präsidentschaft Rodrigo Dutertes als mangelhaft zu bewerten, da vor allem MenschenrechtsverteidigerInnen und JournalistInnen, die sich kritisch über PolitikerInnen und einflussreiche Clans äußerten, Opfer von extralegalen Tötungen wurden, hat sich die Anzahl dieser Tötungen in drastischem Ausmaß erhöht. Der Unterschied liegt lediglich in den Opfern. Duterte und seine Wahlkampagne beschworen das Bild eines aggressiven und kaltblütigen Drogensüchtigen hervor, eines Menschen, der Angehörige zu verstümmeln imstande sei und der die eigenen Kinder verkaufe, nur um Drogen erwerben zu können. Seitdem erleben die Philippinen eine regelrechte Hexenjagd auf mutmaßliche Abhängige und Dealer – hervorgehoben sei das Wort mutmaßlich. Beweise benötigt man scheinbar für die Erschießung nicht. Angesichts dieser Tatsachen bleibt es umso schockierender, dass die Mehrzahl der Filipin@s Dutertes Kampf gegen die Drogen weitgehend unterstützen und sich freut, dass „jemand mal so richtig aufräumt“. Solche Ausdrücke hörte ich bei meiner Reise auf die Philippinen im letzten September sehr häufig. Kritisches Denken empfanden viele der Menschen, mit denen ich sprach, als „anti-philippinisch“ oder „gefärbt“.
Adrienne Onday ist jedoch eine der Wenigen, die die aktuelle Regierung kritisch sehen. Irgendwann nach der Wahl Dutertes stolperte ich über Adriennes Facebook-Profil und war von ihrem Scharfsinn und ihrem Intellekt begeistert, weshalb ich mich umso mehr freute, als sie einwilligte, sich mit mir über die Menschenrechtssituation auf den Philippinen zu unterhalten.

artikel-kathrin

Mit einer halben Stunde Verspätung – für die philippinische Zeit also noch durchaus pünktlich – treffe ich in dem Café ein, das Adrienne für unser Treffen vorgeschlagen hatte. Der Verkehr von Manila hatte im Vorfeld bereits dafür gesorgt, dass ich fast aus dem Auto meines Onkels ausgebrochen und gelaufen wäre, sehr zur Verwunderung meiner Familie, die solchen Stresssituationen eher mit einem Nickerchen im Auto begegnet.
Kurz nach meinem Eintreffen begegne ich auch schon Adrienne, die sich zwischen zwei Vorlesungen Zeit für mich nimmt. Sie wirkt jung, gebildet und fokussiert. Ihr Englisch ist fehlerfrei, ihre Stimme leise, weshalb ich mich nach Wochen voller Indonesisch- und Bisaya1-Input konzentrieren muss, um mithalten zu können.
Zu Adrienne: sie ist 19 Jahre alt und studiert Philosophie und Soziologie an der University of the Philippines Diliman. In ihrer Freizeit schreibt sie Artikel für ihre eigene Zeitschrift, macht Musik und mittels eigener Aktionen auf die Situation der Menschenrechte auf den Philippinen aufmerksam. Mit zwei Kommilitonen startete Adrienne nach der Wahl Dutertes das sogenannte „Cardboard justice movement“, eine Kampagne, bei der sich die Beteiligten Pappschilder, ähnlich denen, die die Opfer von Gewaltverbrechen im Rahmen des Krieg gegen die Drogen umgehängt bekommen, tragen. Statt des Warnhinweises „Drug pusher ko. Wag tularan“ (Ich bin ein Drogenhändler. Nicht nachahmen!) schreiben sie sich den Hinweis „lahat tayo posibleng drugpusher“ (Ihr alle seid mutmaßliche Drogenhändler) auf die Schilder und tragen sie den ganzen Tag bei sich. Ob auf dem Campus, in der Bahn oder im Café, die Schilder klagen an, stimmen nachdenklich und bringen oftmals Diskussionsbedarf mit sich.
„An einem Tag bat mich ein Polizist in der Bahn das Schild abzunehmen. Ich hab ihm erzählt, das Schild sei für ein Projekt in der Schule, worauf er nichts mehr erwiderte. Ansonsten sprechen mich oft Leute auf dem Weg zur Uni an, wieso ich das Schild trage und was ich damit bezwecken will. Für mich ist das eine Möglichkeit, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Streit oder so gab es jedoch noch nie“, so Adrienne.
Durch soziale Medien wurden auch andere Studierende auf die Aktion aufmerksam, sodass es in Universitäten in weiteren Teilen des Landes zum Tragen dieser Schilder kam, wofür Adrienne, wie sie mir erklärte, großen Respekt habe. Denn die Schilder in der Hauptstadt zu tragen mag die eine Sache sein, in Dutertes Heimatstadt Davao aber, wo die Mehrheit der EinwohnerInnen seine Politik unterstützt, sei eine große Portion Mut nötig, um sich öffentlich gegen den Krieg gegen die Drogen auszusprechen.
Was genau war überhaupt der Auslöser für Adriennes gesellschaftliches Engagement? Wie kommt es, dass sie sensibler für das Thema Menschenrechte ist als all die anderen Filipin@s, mit denen ich bis zu diesem Zeitpunkt auf den Philippinen in Kontakt kam? Sie erklärt mir, dass ihre eigene Familie eher konservativ sei. Der Grund für ihre Sensibilität für das Thema sei vielmehr ihre durchaus gute Schulbildung gewesen, bei der ihr viele LehrerInnen, die ebenfalls die UP Diliman besucht hatten, kritisches Denken gelehrt hätten. Die UP Diliman, so Adrienne, sei zudem die Wiege des Aktivismus auf den Philippinen.
Und genau dies sei der springende Punkt: Die Bildung auf den Philippinen strebe eigenes Denken nicht an, weshalb die aktuelle Politik nicht hinterfragt werde. Vor allem aber bliebe der Aufschrei bisher aus, da die Philippinen ein Land des globalen Südens sei, in dem existentielle Sorgen für Filipin@s von größerer Bedeutung seien als die Auseinandersetzung mit der Frage nach der Würde des Menschen. Zu beobachten sei zudem ein starker Gehorsam, der sich auf Autoritätspersonen bezieht. Entscheidungen von Personen, die man als gebildeter oder klüger einschätzt als sich selbst, werden auf den Philippinen oft nicht hinterfragt. Ob das Schwarzweißdenken auf den Philippinen nicht auch eines der größten Probleme sei?
„Auf jeden Fall. Unterstützt du Duterte nicht vollkommen, kommt sofort der Vorwurf, man sei „gelb“.2 Dass man weder das eine noch das andere ist, sondern vielmehr das Beste für das philippinische Volk möchte, unabhängig der politischen Position, verstehen viele gar nicht.“
Mich interessierte außerdem noch der Punkt ihrer persönlichen Sicherheit. „Angst habe ich eigentlich keine. Der Campus der UP ist der sicherste Ort, an dem ich mich aufhalten kann, aber vor zwei Tagen wurden hier zwei ‚Verdächtige‘ erschossen. Seitdem mache ich mir mehr Sorgen als vorher, denn wenn selbst hier Menschen erschossen werden, könnte es auch mich treffen“, so Adrienne. Tatsächlich wunderte ich mich über diese Aussage etwas, da sie bereits, wie sie auf ihrer Facebook-Seite gepostet hat, Drohungen jeder Art erhalten hatte.
„Die Drohungen sehe ich eher als normale Reaktion der Leute auf das, was ich tue. Vor allem Duterte-Fans beleidigen in sozialen Netzwerken oftmals seine KritikerInnen. Den schlimmsten Kommentar habe ich von einem Mann erhalten, der mir wünschte, dass ich vergewaltigt werden würde. Seine gesamte Nachricht war erniedrigend, wieso musste er so persönlich werden? Indem er mir solche Dinge wünscht verhält er sich nicht anders als jene, die angeblich durch Drogen zu Vergewaltigern werden würden und vor der man die Gesellschaft zu schützen versuche.“
Wir beide reden viel und regen uns herrlich über Duterte auf, dessen Strategie es unter anderem ist, Institutionen und Personen (die UN, die EU, Barack Obama und den Papst) zu beleidigen und die Beleidigung nach einigen Tagen als falschverstandenen Spaß darzustellen.
„Wie soll dieser Mann ein Vorbild für das philippinische Volk sein, wenn er nicht mal zu seinem eigenen Wort steht und nie die Verantwortung für seine Aussagen übernimmt?“ fragen wir uns und schütteln den Kopf.
Adrienne muss gleich zu ihrer nächsten Vorlesung, doch eine Frage bleibt mir noch. Was muss passieren, damit das öffentlich akzeptierte Massaker unter Dutertes Führung endlich ein Ende findet?
„Durch Dutertes außenpolitischer Anbiederung an China verliert er derzeit etwas an Popularität. Aber ich weiß es nicht. In der letzten Zeit habe ich viele Nachrichten von Leuten bekommen, die Dutertes Politik unterstützt haben, aber vor kurzem einen Angehörigen im Zuge des Krieges verloren haben. Heute sehen sie den Krieg gegen die Drogen anders. Vielleicht müssen wir warten, bis jeder einen Angehörigen verloren hat.“
Ich nicke. Wenn ich eins weiß, dann, dass ich das nicht erleben möchte.

Kathrin Spenna

1 Philippinischer Dialekt
2 Die Farbe Gelb wird auf den Philippinen mit dem Clan des ermordeten Senators Benigno S. Aquino Jr. assoziiert, dessen Tod Auslöser für eine Revolution gegen den ehemaligen Diktator, Ferdinand Marcos, war

Die Asienhaus-HSG wünscht einen guten Start!

Die Asienhaus-HSG wünscht einen guten Start!

Auch die Blogsaison ist wieder gestartet! Die meisten sind wieder aus den Sommerferien zurück und direkt im Bonner Herbst gelandet. Wir hoffen, dass Ihr gesund und hochmotiviert im WS 2016/17 angekommen seid, und wünschen Euch nachträglich noch einen guten Start!

Natürlich würde es uns freuen, auch dieses Semester wieder von Euch zu hören und Euch auf unseren Veranstaltungen begrüßen zu dürfen. Was Ihr diesen Herbst und Winter von uns geboten bekommt, werden wir Euch in den nächsten Wochen wissen lassen.

An dieser Stelle noch eine herzliche Einladung zu unserem Stammtisch, der an jedem ersten Montag im Monat stattfinden wird. Wir treffen uns voraussichtlich in der Musiktruhe in der Bonner Altstadt, um da mal ganz entspannt – ohne den ganzen organisatorischen Kram – einfach ein wenig zu diskutieren. Dabei freuen wir uns immer über neue Gesichter. 😉 Wie immer halten wir Euch auf unserer FB-Page (Asienhaus Hochschulgruppe Bonn) auf dem Laufenden.