Bali – zwischen Hipster-Tourismus und hinduistischen Traditionen

Bali – zwischen Hipster-Tourismus und hinduistischen Traditionen

Der Staat Indonesien besteht zwar aus über 17.000 Inseln, doch die weltweit wohl bekannteste unter ihnen ist vermutlich Bali. Obwohl Bali im Zentrum des Archipels liegt und in unmittelbarer Nähe Javas, der bevölkerungsreichsten Insel Indonesiens, liegt, hat sich auf dieser kleinen Insel eine ganz eigene Kultur entwickelt und bis heute durchgesetzt. Einen der markantesten kulturellen Unterschiede stellt die Religion dar. Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt, doch ein Großteil der BalinesInnen ist hinduistisch. Die Religion hat die balinesische Kultur stark geprägt und hat auch heutzutage noch großen Einfluss auf den Alltag.

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Wenn man zum ersten Mal auf Bali ankommt kann es jedoch sein, dass man zunächst einmal vergeblich nach der „typisch balinesischen“ Kultur sucht. Kulturbegeisterte Reisende werden vermutlich Ubud besuchen, die Stadt, die als kulturelles Zentrum Balis gilt. In Ubud angekommen, werden sie dann schnell feststellen, dass das Stadtbild von Yogastudios, Spas, veganen Restaurants und alternativen Kleidungsläden beherrscht wird. Es ist ein Paradies für Hipster, Livestyle-Blogger und alle Instagram-Püppchen dieser Welt. Ein super individuelles, neues Profilbild mit einem Äffchen auf dem Arm schießen, danach einen Smoothie (natürlich organic) schlürfen und zum Abschluss noch schnell eine neue Yogamatte kaufen um das vegane Eis wieder abzutrainieren, alles kein Problem. Aber authentische, balinesische Kultur? Fehlanzeige! Zwar sieht man am Straßenrand kleine Gebetsstätten und Schreine an denen die Balinesinnen Gaben für die Götter darbieten, und auch auf den Bürgersteigen gibt es überall kleine Opfergaben, doch das ist nur ein sehr kleiner Einblick in die balinesische Kultur.

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Wer Glück hat, ist während der Zeit eines hinduistischen Festes auf Bali, denn diese sind ein einzigartiges Erlebnis und Interessenten haben die Chance auf eine authentische Erfahrung mit der balinesischen Kultur. Einer der wichtigsten balinesischen Feiertage ist der sogenannte „Hari Raya Galungan“, welcher eine 10-tägige Festzeit einleitet, die mit dem „Kunigan-Fest“ endet. Bereits vor dem Tag des Festes herrschen rege Vorbereitungen. Straßen werden mit selbstgemachten „Penjors“ geschmückt, dabei handelt es sich um einen Bambusstab, welcher mit Stoffen, Früchten und Blumen als Opfergaben dekoriert wird, und es werden zahlreiche Speisen als Opfergaben und für die Festlichkeiten vorbereitet.

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Das Galungan-Fest ist für die BalinesInnen aus mehreren Gründen sehr wichtig. Es ist dem höchsten göttlichen Wesen, dem „Sangyang Widi“ gewidmet, welcher der allumfassende Schöpfer des Universums ist und eine abstrakte Übergottheit für die BalinesInnen darstellt. Am Tag des Galungan-Festes steigt er zusammen mit anderen Gottheiten und den Ahnen der BalinesInnen zu den Menschen herab und verweilt bei ihnen bis zum Kunigan Fest. Gleichzeitig feiern die Balinesen am Galungan auch den mythologischen Sieg der Götter gegen die Mächte des Bösen, also den Sieg des Dharma (das „Gute“) gegen das Adharma (das „Böse“).

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Am Tag des Galungan-Festes sind alle BalinesInnen in ihrer besten Festtagskleidung auf den Straßen und besuchen Tempel und Friedhöfe mit Opfergaben für Götter und Ahnen. Auch in den darauf folgenden Tagen gibt es auf ganz Bali immer wieder lange Prozessionen auf den Straßen. Da außerdem die meisten BalinesInnen zum Anlass der Feierlichkeiten ihre Familien besuchen oder gemeinsame Ausflüge zu Tempeln unternehmen, kommt es auf den Straßen oft zu langen Staus. Davon lassen sich die BalinesInnen aber nicht die Festtagsstimmung vermiesen. Oft wird die Pause im Stau genutzt um anzuhalten und noch etwas zu Essen zu kaufen, was dann später beim Familienpicknick bei einem der zahlreichen Tempel verzehrt werden kann. Auch an den Tempeln herrscht in dieser Festtagsperiode reges Treiben. Die Stimmung in den Zufahrtsstraßen erinnert fast an einen Jahrmarkt, überall drängen Menschen an Verkaufsständen vorbei, an denen es Spielzeug, Kleidung, Schmuck und natürlich Essen zu kaufen gibt. Die Festlichkeiten enden erst nach 10 Tagen mit dem Kunigan Fest, welches noch einmal besonders den Ahnen gewidmet ist und an dem die Götter und Ahnen die Erde wieder verlassen.

Leonie Muschner
(Text & Bilder)

Indische Gastfreundschaft und Lebensfreude erleben: Navaratri in Navi Mumbai

Indische Gastfreundschaft und Lebensfreude erleben: Navaratri in Navi Mumbai

Navaratri.
Als ich das Wort zum ersten Mal hörte, wusste ich mit dem Begriff nichts anzufangen, und auch jetzt ist mir die volle Bedeutung noch nicht ganz klar. Dennoch, was mir schnell klar wurde, war, dass das Wort Freude und Aufregung bei denjenigen auslöste, die darüber sprachen. Und meine Arbeitskollegen sprachen viel davon. Die Rede war von Tänzen, von Musik, vom gemeinsamen Feiern. Natürlich weckte dies meine Neugierde. Ich erfuhr, dass es sich bei Navaratri um ein neun Tage andauerndes hinduistisches Fest handelt (nava = 9, ratri = Nacht), bei welchem die Göttliche Mutter angebetet und verehrt wird.

Der krönende Abschluss der Festtage fällt interessanterweise jedoch auf den zehnten Tag, also den Folgetag der Navaratri-Feierlichkeiten. Dann nämlich wird Dashahra, auch als Dusserah bekannt, gefeiert – und hier haben die meisten Inder dann auch wirklich frei, während die vorherigen Festtage oder vielmehr Nächte eine wahre Herausforderung für den Biorhytmus und die Work-Life-Balance darstellen.

Doch zurück zu Navaratri. Nach all den schillernden Berichten über die abendlichen Feierlichkeiten wuchs in mir selbstverständlich immer stärker der Wunsch, selbst einmal an einer der Veranstaltungen teilzunehmen. Überall in der Stadt sollten sie zu der Zeit, es war Anfang Oktober, jeden Abend stattfinden. Das Problem war nur, dass es eben erst abends losging. Und alleine, so wurde ich mehrfach ermahnt, sollte ich abends nicht herumlaufen.

Deshalb war ich umso glücklicher, als sich endlich, am neunten und damit letzten Tag von Navaratri, die Möglichkeit bot, einer der Veranstaltungen beizuwohnen.Wir waren zu fünft: meine Mitbewohnerin aus Österreich, meine Wenigkeit, zwei Schwestern aus Deutschland und ihr indischer Arbeitskollege, der sich netterweise erboten hatte, uns zu einer der Feiern mitzunehmen. Verabredet hatten wir uns für 20:30 Uhr und nachdem wir die übliche Zeit von etwa 40 Minuten gewartet hatten (das indische Verständnis von Pünktlichkeit ist etwas anders), tauchte unser „Tourguide“ für den Abend auf.

Bevor wir jedoch das Tanzbein schwingen konnten, ging es zunächst zu einer Durga Puja. Doch statt der erwarteten ehrfürchtigen Stille, choralen Gesänge und andächtig betenden Pilger in einem antiken Tempel, trafen wir auf Musik, Gelächter, bunte Lichterketten und ein lebhaftes Treiben, das einen aus unserer Sicht vielmehr an eine Kirmes als eine Gottesverehrung erinnerte. Jung und Alt strömte auf einen riesigen Platz, auf dem sich zahlreiche Verkaufsstände nebeneinander reihten, ein Puppentheater mit selbst angefertigten Marionetten für die Kleinen und auf der gegenüberliegenden Seite ein Konzert von einem Bollywoodsänger für die Großen für Unterhaltung sorgten. Neben diesen gesellschaftlichen Vergnügungsprogrammpunkten stellte die eigentliche Attraktion jedoch die Statue der Göttin Durga im Inneren eines extra für diesen Anlass provisorisch errichteten Tempels in einem Festzelt dar. Die Warteschlange der Menschen, die persönlich einen Blick auf den Schrein erhaschen wollten, reichte weit bis vor das Zelt. Davon ließen wir uns jedoch nicht abschrecken. Wir stellten uns an und es ging erstaunlich zügig voran, sodass wir innerhalb kürzester Zeit selbst einen Blick auf den Altar werfen konnten. Dieser zeigte jedoch nicht die Göttin allein. Zwar befand sich ihre Statue im Zentrum, es handelte sich jedoch um die Nachstellung einer mythologischen Szene, die den Kampf Durgas gegen den Dämonen Mahishasura widerspiegelte und so befanden sich noch weitere Statuen im Altarbereich, die Durgas vier Kinder, andere hinduistische Götter, und den Dämon repräsentierten. Aber auch hier wollte keine hehre Stimmung aufkommen, schien es doch eher darum zu gehen, mit seinem Handy ein möglichst gutes Foto zu machen.

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Nach der Durga Puja zogen wir weiter, um endlich den Teil des Abends zu beginnen, auf den ich so sehnsüchtig gewartet hatte: Wir machten uns auf den Weg zu einer Navaratri-Feier, bei der getanzt werden sollte. Die Straßen waren schon dunkel, aber zahlreiche Lichterketten, die von Bäumen und Drähten herunterhingen, leuchteten uns den Weg zu den Feierlichkeiten. Lachende Menschen und Frauen in wunderschönen, farbenfrohen traditionellen Kleidern begleiteten uns auf dem Weg und die lauter werdenden Klänge der Musik wiesen uns die Richtung. Endlich hatten wir den Ort des Geschehens erreicht. Vor uns befand sich ein offener Platz, über den zahlreiche, in bunten Farben leuchtende Lichterketten eine Art Zeltdach spannten. Der Platz wimmelte nur so vor Menschen – und sie alle tanzten. Es war, als würde man eine andere Welt betreten. Von einer Bühne her erklang laut die lebhafte Musik und jedes Lied wurde mit unglaublicher Freude und Begeisterung begrüßt. Es war ein absolut faszinierender Anblick auf ein vollkommen anderes Leben. Und noch viel faszinierender war, dass es zu jedem Lied einen eigenen Tanz zu geben schien. Die Menschen tanzten nicht für sich, sondern bewegten sich im Kreis und in einer sich von Lied zu Lied verändernden Choreographie, die alle zu kennen schienen. Niemand wurde ausgeschlossen: Männer, Frauen, Alte und Kinder – alle tanzten zusammen und sie alle strahlten pure Lebensfreude aus. Und diese wollten sie mit uns teilen. Bevor wir uns versahen, wurden wir mit in einen Kreis aufgenommen und dazu aufgefordert, die Schritte nachzumachen. Was sich am Anfang noch äußerst schwierig gestaltete, wurde mit der Zeit jedoch allmählich besser. Die Menschen strahlten darüber, dass wir mit ihnen tanzten und waren unermüdlich darin, uns die einzelnen Choreografien zu zeigen. Dank der Länge der Lieder und der sich stetig wiederholenden Schrittabfolge schafften wir es schließlich, uns einigermaßen in die Kreise zu integrieren. Die laute, fröhliche Musik und die ausgelassene Stimmung taten ihr Übriges, dass man selbst bald über das ganze Gesicht strahlte.

Doch trotz der späten Stunde, es war bereits halb elf, hatte die Hitze des Tages noch nicht an Kraft eingebüßt, was das Tanzen regelrecht zum sportlichen Erlebnis werden ließ. Schließlich bedankten wir uns erschöpft, aber glücklich – doch der Abend war noch nicht vorbei. Aufgeregt wurden wir darum gebeten, doch noch zum Essen zu bleiben. Es war zwar für deutsche Verhältnisse schon recht spät für Essen, doch hier zeigte sich wieder einmal, dass die indische Kultur untrennbar mit Essen verbunden ist. Wir wurden in eine Halle neben dem Platz geführt, in der an einem langen Buffet Essen ausgeteilt wurde und in der viele Menschen aßen, miteinander redeten und sich vom Tanzen erholten. Unsere Teller wurden großzügig mit verschiedenen köstlichen, wenn auch typischerweise scharfen Gerichten befüllt und wir setzten uns auf den Boden, um diese zu verspeisen. Es war einfach nur beeindruckend. Wir waren vollkommen Fremde für die Menschen, doch sie empfingen uns mit einer so selbstverständlich wirkenden Freundlichkeit, dass es einen mit tiefer Dankbarkeit und Ergriffenheit erfüllte. Nach dem Essen und einigen Fotos, die lustigerweise von uns als vermeintliche Attraktion gemacht wurden, begaben wir uns schließlich auf den Rückweg.

Doch dieser Abend wird für mich immer unvergessen bleiben. Die Gastfreundschaft, Unvoreingenommenheit, Lebensfreude und Großzügigkeit der Menschen dort hat mich zutiefst beeindruckt und bewegt. Andersherum könnte ich mir so eine Situation in Deutschland nicht vorstellen, und das gibt einem doch zu denken.

Laura Scherf
(Text & Bilder)

Ache Lhamo – die tanzenden Göttinnen Tibets

Ache Lhamo – die tanzenden Göttinnen Tibets

1959 – nach der Eingliederung Tibets in die chinesische Volksrepublik flohen tausende Tibeter nach Indien, wo sich eine Exilgesellschaft entwickelte. Sowohl die Geflohenen, als auch die Zurückgebliebenen stehen seitdem den Fragen gegenüber, was die tibetische Kultur bedeutet und wie sie bewahrt und vor allem weitergelebt werden kann. Ein wichtiger Teil der traditionellen aufführenden Künste ist Ache Lhamo, das traditionelle Theater Tibets, gekennzeichnet durch jahrhundertelange Standhaftigkeit und doch stetigen langsamen Wandel.

Der Legende nach, soll das klassische Theater Tibets im 15. Jahrhundert von Thangtong Gyalpo, einer der bekanntesten religiösen Figuren der tibetischen Geschichte, entwickelt worden sein. Während seiner Lebzeiten baute er insgesamt 108 Eisenbrücken, die sogar heute noch teilweise existieren. Damit sollten abgeschottete Orte erreicht werden, um die buddhistische Lehre besser verbreiten zu können. Eine dieser Brücken ist jedoch immer wieder zusammengebrochen. Da die Sponsoren deswegen ihre Hilfe zurückzogen, überlegte sich Thangtong Gyalpo einen anderen Weg um Geld aufzutreiben. Er komponierte Opernarien, basierend auf religiöse Erzählungen, und gewann sieben attraktive Schwestern als Schauspieler. Er selber begleitete die Aufführungen mit einer Trommel und einem Becken. Die Zuschauer waren begeistert und verglichen die anmutigen Bewerbungen der Schwestern mit den Tanzen der Göttinnen (lha mo). So erhielt das tibetische Theater seinen Namen Ache Lhamo – Schwestern Göttinnen. Bis heute wird Thangtong Gyalpo als Patron des Ache Lhamo und der Schauspieler verehrt. Aus den fortlaufenden Aufführungen des Ache Lhamo entstanden feste Vorgehensweisen und Traditionen, welche das Theater so charakterisieren. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert wurden Ache Lhamo Vorstellungen im gesamten Tibet aufgeführt. Jeder größere Bezirk hatte seine eigene feste Amateurgruppe und die Stücke und deren Inhalte waren so bekannt, dass die Menschen die Lieder mitsingen konnten. So wurde auch das Theater-Festival Zho ston (Joghurt-Festival) in Lhasa zu Tradition.

Heute zählt man neun traditionelle Stücke. Diese greifen historische und religiöse Themen auf und überliefern die Geschichte Tibets. Ausgeschmückt sind die Geschichten durch eine große Zahl an phantastischer Wesen und Ereignissen, um die Botschaften prägender übermitteln zu können. Im Gegensatz dazu stehen die allgegenwärtigen Ereignisse und Probleme des tibetischen Lebens, mit denen die Charaktere im Stück konfrontiert werden. Nicht nur der Inhalt der Stücke erinnert an das Leben in Tibet. Die schlichte, runde Bühne mit einem weißen Zeltdach und Zuschauern auf allen Seiten, soll an die tibetische Landschaft mit seinen offenen Ebenen und majestätischen Bergen erinnern. In der Mitte der Bühne findet man einen kleinen Baum, ergänzt durch einen Tisch mit einem Bildnis von Thangtong Gyalpo und Darbringungen. Die Requisiten und Szenerie werden minimalistisch gehalten. Stattdessen erschaffen die Schauspieler mit ihrer Spielkunst und das Publikum mit ihrer Vorstellungskraft zusammen die Welt der Charaktere. Je schlichter und neutraler die Bühne gestaltet ist, desto aufwendiger und einzigartiger sind die Kostüme und Masken der Akteure. Bestimmte Eigenschaften und Stile sind dabei verschiedenen Charakteren fest zugeordnet, so dass man eine Figur auch unabhängig vom Kontext eindeutig zuordnen kann. Tanz und Gesang werden traditionell lediglich von einer Trommel und einem Becken begleitet. Während es für untrainiert Ohren schwer ist, die einzelnen Lieder zu unterscheiden, erklingt für Ache Lhamo Liebhaber jedes Musikstück einzigartig. Jedes Theaterstück, was in seiner kompletten Aufführung mehrere Tage dauern kann, startet mit dem gleichen Prolog, der inhaltlich unabhängig von der eigentlichen Handlung ist. Dieses Vorspiel besteht aus einer Reihe überlieferten Ritualen und soll Dämonen vertreiben, Segnungen erbitten und Thangtong Gyalpo ehren. Dazu gibt es noch zwei weitere wichtige Merkmale, die Ache Lhamo so einzigartig machen. Bei dem einen handelt es sich um das Element der Improvisation. Je nach Stimmung des Auditoriums werden Szenen verkürzt oder verlängert, um so ein optimales Schauspiel-Vergnügen bieten zu können. Das zweite Merkmal sind humoristische Zwischenspiele, wie Satire. Diese Szenen werden als Mittel für soziale und politische Kommentierung eingesetzt. Auch angesehene Mönche oder aristokratische Familien werden dabei nicht geschont. Dies macht es den Schauspielern möglich, die Jahrhunderte alten Geschichten, mit Themen der Gegenwart zu verknüpfen und somit den Geist der Zeit wiederzugeben. Über die Jahre wurden die Texte und Choreografien aus dem Gedächtnis heraus von Generation zu Generation weitergegeben. So kam es im Laufe der Zeit zu einem stetigen, wenn auch schleichenden, Wandel. Das Resultat dessen, sind stets individuelle Aufführungen und ein stets einzigartiges Erlebnis der Zuschauer, obwohl der Kern des Theaters blieb dabei immer fest verankert bleibt.

Nach der Eingliederung Tibets in den chinesischen Staat 1959 wurde das traditionelle Theater im Zuge der Kulturrevolution zunächst verboten. Neunzehn Jahre später, als das Verbot aufgehoben wurde, musste man praktisch wieder von neu Anfangen. In der tibetischen Exilgesellschaft wird angesichts der Entwicklungen in Tibet vor allem die zunehmende „Sinisierung“ kritisiert. Dabei wurden die Stücke durch stärkere Reglementierungen und Simplifizierungen dem chinesischen und westlichen Publikum zugänglicher gemacht. Jedoch sind auch die Entwicklungen in der tibetischen Exilgesellschaft in Indien nicht umstritten. Das TIPA (Tibetan Institute of Performing Arts) ist für die Erhaltung und die Förderung der tibetischen Künste zuständig. Mit den wenigen Kundigen, denen eine Flucht aus Tibet geglückt ist, förderte man die Zusammentragung der traditionellen Stücke und ermöglichte so begabten Schülern den Zugang zu einer langjährigen Ausbildung in den Künsten des Ache Lhamo. Das Institut konzentriert sich vor allem darauf den Status des Theaters und dessen Charakteristiken von vor der Eingliederung zu bewahren. Ein natürlicher Wandel mit dem Geiste der Zeit ist so nicht möglich und vermutlich einer der Gründe, wieso die jüngeren Generation das Interesse an dem traditionellen Theater verliert. Allgemein sehen manche Kritiker einen Trend, dass die tibetische Kultur für den Westen wichtiger zu sein scheint, als für die tibetische Exilgesellschaft.

Die tibetische Kultur, insbesondere Ache Lhamo, wird zum Erhalt vorgetragen und ausgestellt. Dies reicht jedoch nicht, um sie fortleben zu lassen. Vielmehr muss ein Weg gefunden werden, sie als aktiven zentralen Teil des tibetischen Lebens im Bewusstsein zu verankern und sie mit dem Fortschreiten des gesellschaftlichen Wandel weiterzuentwickeln.

Johanna Kuchem
(Bild: Tibetan Institute of Performing Arts)

„Trink, trink!“ – Gastfreundschaft in der Mongolei

„Trink, trink!“ – Gastfreundschaft in der Mongolei

Auf meiner zweimonatigen Reise durch die Mongolei hatte ich die Gelegenheit, eine Woche lang mit meinem mongolischen Lehrer und seiner Familie deren Verwandtschaft auf dem Land zu besuchen. Innerhalb weniger Tage besuchten wir mehrere Familien, die im Bayankhongor Ajmag im Zentrum der Mongolei leben.

Bei jedem Besuch durfte ich an den traditionellen Begrüßungsriten teilnehmen, die in ihren Grundzügen bei verschiedenen Familien sehr ähnlich ablaufen. Nach der Ankunft begaben wir uns jedes Mal ohne Umwege in die Jurte, wo wir uns hinsetzten, ohne großartig viele Worte mit den Gastgebern zu wechseln.

Die Frau in der Familie begann kurz nach der Ankunft mit der Essenszubereitung, während die anderen gemeinsam Milchtee, Milchschnaps oder Wodka tranken und sich dabei unterhielten. Bei Wodka und Milchschnaps lief es so ab, dass der Gastgeber eine kleine Schale mit dem Getränk füllte und sie als erstes dem ranghöchsten Gast anbot. Dieser achtete dabei stets darauf, dass die Ärmel seiner Kleidung ordentlich nach unten gerollt waren und er die Schale mit der rechten Hand entgegennahm, während die linke seinen rechten Ellenbogen symbolisch stützte. Manchmal konnte ich auch beobachten, dass das Getränk mit beiden Händen angenommen wurde. Der Gast trank nun entweder bis die Schale leer war oder er nahm nur einen kleinen symbolischen Schluck und reichte sie an den Gastgeber zurück. Manche Gäste tunkten ihren Ringfinger in das Getränk ein und spritzten einen kleinen Teil davon als Opfergabe in die Luft, wobei dieser Vorgang bis zu drei Mal wiederholt wurde. Erst danach nahmen sie den symbolischen Schluck und gaben das Getränk zurück. Diese Geste, so schien mir, war vor allem dann angebracht, wenn man weder das ganze Getränk trinken noch unhöflich gegenüber seinen Gastgebern erscheinen wollte.

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Gerade in dieser Woche schlugen mir sowohl das mongolische Essen als auch die mongolischen Getränke sehr schwer auf den Magen, was normalerweise genügend Anlass dafür sein sollte, keine alkoholischen oder schwer fettigen Getränke zu mir nehmen zu müssen. Unsere gastgebenden Mongolen sahen das allerdings anders und obwohl sie um meine Magenverstimmungen wussten, bestanden sie darauf, dass ich bei diesen Begrüßungsriten etwas trinke. Manchmal kam ich mit dem symbolischen Schluck und dem vorhergehenden Opfer davon, doch oft wurde ich mit den Worten „Uu, uu!“ („Trink, trink!“) mehr oder weniger dazu gezwungen, die ganze Schale beziehungsweise das Glas auszutrinken. In diesem Moment erschien mir das sehr unhöflich und unaufmerksam, doch wie ich später erfahren habe, glauben viele Mongolen, dass sowohl Milchprodukte, als auch Wodka bei Magenbeschwerden zu trinken sehr gut sein soll.

Dies ist eines von vielen praxisnahen Beispielen meiner Mongolei-Reise, in denen ich kulturelle Unterschiede hautnah wahrnehmen und erleben durfte. Anfänglich lösten diese manchmal Unbehagen, jedoch immer auch Faszination und Neugierde in mir aus.

Benjamin Breuer
(Text & Bilder)

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Halal-Tourismus: Reisen und Religion

Halal-Tourismus: Reisen und Religion

Tourismus und Kultur liegen eng beisammen, denn reisen verbindet Menschen und erweitert persönliche Horizonte. Auch verändern Touristenströme mitunter die Kultur der Bewohner vor Ort, denn Gäste eines Landes bringen ihre eigenen Gepflogenheiten mit. Lange Zeit dominierten Europäer und Amerikaner das Bild, zogen in kurzen Hosen mit Bier in der Hand und Sonnenbrand auf dem Rücken durch Städte und Badeorte in Südostasien. Das könnte sich nun bald (zumindest teilweise) ändern: Das weltweit am schnellsten wachsende Segment der Tourismusindustrie ist seit einigen Jahren der muslimische Reisemarkt! Man könnte fast sagen: Ein Gespenst geht um in Asien – es ist das Gespenst des Halal-Tourismus, denn das Bumrungrad International Hospital in Bangkok hat gerade tausend Arabisch-Dolmetscher eingestellt, um der steigenden Zahl an „Medizintouristen“ aus den Golfstaaten zu begegnen. Die Philippinen ließen in einer staatlich geförderten Kampagne etwa 50 Hotels als „halal“ zertifizieren, die Stadtverwaltung von Fukuoka (Japan) holte sich Tipps für die Einrichtung von islamischen Gebetsräumen. Neben der südkoreanischen Insel Jeju und einzelnen Städten in China sind sogar Länder wie Australien und Neuseeland daran interessiert, ihr Besucherspektrum zu diversifizieren und mehr muslimische Besucher anzulocken.

Doch was genau ist unter Halal-Tourismus zu verstehen? Im Grunde geht es dabei um Muslime auf Reisen, die auch im Urlaub gern an ihren religiösen Gepflogenheiten festhalten würden. Das Wort „halal“ kann mit „erlaubt“ übersetzt werden, meist geht es dabei um geschächtetes Fleisch und um Speisen, die ohne die Verwendung von Alkohol oder Schweinefleisch produziert wurden. Reisenden Muslimen stellen sich jedoch noch weitere Herausforderungen: Wie betet man zum Beispiel im Flugzeug? Und welche Hotels kommen für die Ferien infrage? Eine – oft recht kostspielige – Möglichkeit sind die über 30 sogenannten „alternativen Hotels“, die in den letzten zwanzig Jahren an den Küsten der Türkei eröffnet wurden. Sie bieten islamkonforme Ferien an und richten sich vor allem an konservative Besserverdiener aus Westeuropa: Getrennte Pools und Strandabschnitte für Männer und Frauen, ein buntes Buffet, eine hoteleigene Moschee gehören zum Service. Fünfmal am Tag hallt der Gebetsruf über die Korridore.

Doch der Halal-Tourismus ist so vielseitig wie seine KundInnen. Reiche Familien aus den Golfstaaten kommen nach Europa und geben mehr Geld aus als jede andere Gruppe von Touristen, was v.a. Luxushotels und Kliniken in München oder Düsseldorf zu schätzen wissen. Andererseits gibt es viele europäische Muslime, die den Sommer nicht mehr nur in den Dörfern ihrer Vorfahren, in der alten Heimat verbringen möchten, sondern neue Ziele entdecken wollen. Der muslimische Mittelstand wächst, in Westeuropa und Nordamerika, aber etwa auch in Indonesien, Nigeria und der Türkei. Ungefähr 70 Prozent der muslimischen Reisenden weltweit sind aus Ferien- und Freizeitzwecken unterwegs, die Pilgerfahrt nach Mekka und Medina fällt mit nur zwei Prozent kaum ins Gewicht. Vor allem Asien ist als Ziel von Muslimen aus aller Welt beliebt, Malaysia und die Türkei sind die beiden Top-Ziele und gleichzeitig Vorreiterinnen des Halal-Tourismus-Sektors. Die Versorgung mit islamkonformen Lebensmitteln ist in Staaten wie diesen gesichert und es gibt überall Moscheen. Islamophobie und Islamisierungsängste sind auch in den meisten nichtmuslimischen Ländern Asiens wenig verbreitet. Vor allem die sogenannte Generation Y holt sich heute im Internet die nötigen Informationen und will die Welt entdecken, besonders junge und besser gebildete Muslime aus Westeuropa zieht es zu ihren kulturellen Wurzeln, zu den Orten, über die sie in der Schule nur selten etwas gehört haben. Interessante Ziele sind Städte wie Istanbul, Kairo oder Sarajevo und Regionen mit islamischer Geschichte in Europa, Nordafrika und Asien. Allerdings gibt es im Angebotsspektrum des Halal-Tourismus bislang noch kaum Bildungs- oder Kulturreisen – eine Marktlücke, die noch Perspektiven für die Zukunft bietet.

Islamischer Tourismus bietet natürlich nicht nur wirtschaftliche Chancen, sondern ist auch für Kulturwissenschaften und Sozialforschung sehr interessant. Nicht zuletzt kommen aber auch politische Dimensionen mit ins Spiel: Islam-Debatten in Europa und Verbote von Burkini oder Vollverschleierung berühren den Halal-Tourismus an vielen Stellen. Auch Diskussionen über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen entstehen dort, wo es um die Geschlechtertrennung geht und um die konservativen islamischen Werte, die durch den Halal-Tourismus gepflegt werden. Andererseits bietet diese recht neue Form des Reisens gerade Frauen die Möglichkeit, ihren Urlaub ein Stück weit freier genießen zu können als bisher. Sicher ist, dass in Zukunft an vielen Stellen Diskussionen aufkommen könnten. Möglich ist aber auch, dass sich der Tourismus in vielen Gebieten wandeln wird: Freie Oberkörper in Fußgängerzonen und betrunkene Hooligans auf Strandurlaub waren den allermeisten einheimischen Kulturen der begehrten Ferienziele fremd, bis Touristen kamen und mit ihnen das Geld. Es bleibt also abzuwarten was geschieht, wenn das Geld nicht mehr nur von Europäern und Amerikanern gebracht wird, sondern von der neuen Größe auf dem Markt, den finanziell bessergestellten Muslimen aus dem Nahen Osten und aus der westlichen Welt.

Thorsten Muth
(Text & Bild)

Unsere neue Broschüre ist da!

Unsere neue Broschüre ist da!

Liebe KommilitonInnen,

dies ist die neueste Ausgabe der Asien süßsauer, die Euch nun auch in digitaler Form auf unserem Blog zur Verfügung steht. Nachdem wir uns im Sommersemester 2016 zunächst mit dem Thema Demokratie beschäftigt haben, wenden wir uns dieses Mal der Kultur in Asien zu.

Der Islam ist die größte Religion in Asien, mehr als ein Viertel aller Asiaten sind Muslime und der Großteil der Muslime lebt auf diesem Kontinent. Aber auch als Reiseziele werden asiatische Nationen immer beliebter bei Muslimen weltweit. Aber wie reisen eigentlich Muslime? Mit diesen und weiteren Fragen setzt sich Thorsten in seinem Text „Halal-Tourismus: Reisen und Religion“ auseinander. Auf Reisen war auch Benjamin, der uns diesmal von der „Gastfreundschaft in der Mongolei“ berichtet. Es geht um Jurten, Riten und viel Alkohol. Aus der mongolischen Steppe begeben wir uns dann mit Johanna in die tibetischen Berge. Dort und auch anderswo erhalten die Tibeter ihre Kultur gegen jede Unterdrückung mit „Ache Lhamo – die tanzenden Göttinnen Tibets“ aufrecht. Ein Artikel für jeden, der sich für Frauen, Tanz und Theater interessiert. Da das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt in einer Asienbroschüre auch nicht fehlen darf, nimmt uns Laura mit auf ihre Indienreise, um „Indische Gastfreundschaft und Lebensfreude: Navaratri in Navi Mumbai“ erleben zu dürfen. Und jedem, der dabei jetzt an die Navi auf Pandora denken muss, empfehle ich die anschaulichen Erlebnisse des schillernden Navarati-Fest zu lesen – besser als jeder Kinofilm. Auch die schönste Broschüre kommt einmal zum Ende, aber das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Leonie führt uns nach Bali auf das Galungan-Fest, um etwas echte indonesische Kultur kennenzulernen, denn es gilt: „Bali – zwischen Hipster Tourismus und hinduistischen Traditionen“.

Und da wir jedes Semester mindestens eine neue Ausgabe haben, heißt es: Aller guten Dinge sind drei und bald vier oder fünf…

Freya Dombach
(Titelbild: Mongolei, Benjamin Breuer)

Moderne Sklaverei: Das Sumangali-System in der indischen Textilindustrie

Moderne Sklaverei: Das Sumangali-System in der indischen Textilindustrie

Am Mittwoch (30.11.2016) hatten wir Frau Bettina Waldt von FEMNET e.V. zu Gast, die uns in recht überschaubarer Runde etwas zum Thema Camp Labour in Indien erzählte, genauer über das sogenannte Sumangali-System in den Spinnereien von Tamil Nadu.

FEMNET e.V. setzt sich für menschenwürdige, sichere Arbeitsbedingungen für Frauen und Mädchen weltweit ein. Die Arbeit der NGO besteht aus politischem Engagement, Bildungsarbeit (Beratung und VerbraucherInnen-Information, z.B. das Projekt FairSchnitt) sowie einem Solidaritätsfond (d.h. konkret die Unterstützung anderer NGOs in Indien und Bangladesch). Der Verein ist auch Mitglied im Trägerkreis der Clean Clothes Campaign (CCC, Schwerpunkte Osteuropa und Südasien), die in 17 europäischen Ländern aktiv ist.

Mit 45 Millionen Beschäftigten ist die Textil- und Bekleidungsindustrie der zweitgrößte Arbeitgeber in Indien. Außerdem ist das Land drittgrößter Textilexporteur, wobei 60 Prozent der Exporte aus dem südindischen Staat Tamil Nadu kommen. Dort haben sich besonders um die Industriestadt Tirupur (T-Shirt City) viele große Fabriken, aber auch kleine, nicht registrierte Betriebe angesiedelt. Etwa 60 Prozent der 266.000 bis 400.000 Beschäftigten – die genauen Zahlen sind aufgrund der nicht offiziell erfassten Personen im informellen Sektor schwer zu bestimmen – sind Frauen und Mädchen. Von diesen wiederum arbeiten 30 Prozent in einem drei- bis fünfjährigen „Ausbildungsverhältnis“, das als Sumangali-System bekannt ist.

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Agenten der Textilfabriken werben in ländlichen Gebieten gezielt junge Frauen aus Dalit-Familien an, die zwischen 14 und 18 Jahren alt, oft aber noch jünger sind. Sie versprechen ihnen eine gute Ausbildung, reichhaltiges Essen sowie ärztliche Verpflegung und z.B. Sportmöglichkeiten. Der Lohn, eine 400 bis 1.000 € hohe „Mitgift“, wird als „Weg zur Sumangali“ (sumangali = „glückliche Braut“) bezeichnet, denn die Auszahlungssumme würde es den Eltern der jungen Frauen nach dem Abschluss ermöglichen, sich bei der Hochzeit ihrer Tochter nicht zu verschulden. Außerdem lebt für diese Zeit eine Esserin weniger im Haushalt. Viele Eltern gehen dieses Geschäft gern ein, weil sie denken, dass ihre Tochter gut versorgt ist. Für die Mädchen bildet die „Ausbildung“ eine Möglichkeit, den Begrenzungen des Landlebens zumindest eine Zeit lang zu entfliehen.

Die Realität sieht jedoch anders aus: Die Mädchen und jungen Frauen werden (oft ohne die nötige Einarbeitungszeit) als reguläre Arbeitskräfte eingesetzt, aber nur wie Auszubildende bezahlt – weit unter dem Mindestlohn. Ihr Lohn wird außerdem nur teilweise und in Form eines Taschengeldes ausbezahlt. Die Mädchen sind nicht versichert, bei Erkrankung wird das Arbeitsverhältnis unverhältnismäßig um Monate verlängert. Bei frühzeitigem Abbruch der „Ausbildung“ kommt das Geld manchmal gar nicht oder nur unzureichend. Die Fabriken liegen in abgelegenen Gegenden, nur einmal pro Woche oder gar pro Monat dürfen die jungen Arbeiterinnen – unter Aufsicht! – das Fabrikgelände verlassen, deshalb auch die Begriffe Camp und Zwangsarbeit: Die Mädchen sind nicht angekettet, aber trotzdem haben sie keine Möglichkeit zu gehen. Angehörigen ist der Besuch nur einmal im Monat gestattet. Viele Zwangsüberstunden, teilweise auch Doppelschichten, Arbeitszeiten von oft bis zu 12 Stunden und Nachtarbeit – das führt dazu, dass es unter den übermüdeten 14- bis 18jährigen zu Arbeitsunfällen kommt. Manche verlieren an den vollautomatischen Webmaschinen gar ihre Finger. Die Schlafsäle sind beengt, die Arbeits- und Lebensbedingungen ungesund. Schlechtes Essen, dreckige Toiletten, mangelhafte ärztliche Versorgung – aber von der indischen Regierung nicht mehr als gefährlich eingestuft. Gewerkschaften kümmern sich indes nicht um die Azubis, denn zu den Fabriken haben sie keinen Zutritt. Es gibt keinerlei Verbindung zu den Mädchen, von Arbeitsrechten erfahren diese oft erst nach Beendigung ihrer Zeit in den Camps. Die oftmals gravierende Situation vor Ort sowie sexuelle Belästigungen bis hin zur Vergewaltigung sorgen dafür, dass pro Jahr etwa tausend Mädchen versuchen sich das Leben zu nehmen.

Aus den Fabriken kommen keine „glücklichen Bräute“, sondern kranke Mädchen, oft ohne die versprochene Geldsumme. Manche haben Suizidversuche hinter sich, viele kehren ihren Familien den Rücken. Das in den Camps produzierte Garn landet auch in europäischen Marken, denn Tamil Nadu exportiert 30 Prozent seiner Erzeugnisse nach Bangladesch, China und Sri Lanka, wo sie zu Textilprodukten für den europäischen Markt weiterverarbeitet werden.

Was ist zu tun? FEMNET e.V. ist nur eine von 181 Mitgliedsorganisationen im „Bündnis für nachhaltige Textilien“, einem Multistakeholder-Forum aus NGOs, Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und Regierungsorganisationen, die dafür sorgen wollen, dass sich die Situation von Arbeiterinnen und Arbeitern vor Ort verbessert. Am 7. Dezember gibt es zum Thema auch eine Beilage in der taz.

Thorsten Muth