ASIEN Süß-Sauer: ‚Inspiring People‘ Triumph des Filmens: Der chinesische Filmemacher Zhang Yimou

Mit nackten Körpern, deren Posen ihre ausdefinierten Muskeln in statuenhafter Ästhetik darbieten, inszenierte Leni Riefenstahl einst den Anfang ihres berühmten Propagandafilms „Olympia“ über die Olympiade 1936 in Berlin. Seitdem wurden Filmregisseure immer wieder von Olymiaden angezogen, um den Bombast, der dieses Ereignis und seine Sportler umgibt, festzuhalten. Den Vergleich mit Riefenstahl jedoch musste sich nur Zhang Yimou gefallen lassen, als er 2008 die Eröffnungsfeier der Olympiade in Peking inszenierte. Zu ähnlich lag, dass Ästhetik für propagandistische Zwecke genutzt wurde, damit ein Regime, dessen Menschenrechtsverletzungen so ganz und gar nicht dem olympischen Geist entsprachen, sich selbst feiern konnte. Andere, wie der amerikanische Regisseur Steven Spielberg, der zunächst mit Zhang Yimou zusammenarbeitete, hatten sich im Vorfeld unter Protest zurückgezogen.

Für Zhang Yimou war es nicht das erste Mal, dass er sich vorwerfen lassen musste, seine Kunst dem Regime Pekings anzubiedern oder Handlanger von dessen Propaganda zu sein. Warum gerade er diese auch internationale Emporung hervorrief, lässt sich nur verstehen, wenn man seinen Werdegang betrachtet, der einen zwangsläufig vor Fragen stellt.

1982 schließt eine Gruppe von Filmemachern ihr Studium an der Filmakademie von Peking ab, die man allgemeinhin die Fünfte Generation nennt. Ihre Filme setzen sich kritisch mit der oft von Diskriminierung und Leid geprägten eigenen Erfahrung der Kulturrevolution in China auseinander; genauso betrachten sie aber auch die rasanten zeitgenössischen Entwicklungen und die daraus entstehenden Probleme. Auch Zhang Yimou gehört der Fünften Generation an, kam jedoch nur durch Umwege an die Filmakademie. Seine Eltern waren aus politischen Gründen verhaftet worden und er musste in der ländlichen Provinz den Lebensunterhalt der Familie besorgen.

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So ist es nicht überraschend, dass sich sein erster Film „Rotes Kornfeld“ von 1987 auch mit dem ländlichen China auseinandersetzt. Der Film wurde direkt mit zahlreichen internationalen Preisen bedacht, in China selbst jedoch wurde der Film kontrovers diskutiert, stellt er doch das Leben und Denken der chinesischen Bevölkerung als einfach und primitiv dar. Dennoch reichte man ihn als Beitrag bei den Oscars ein, wie es noch oft mit Zhang Yimous Filmen geschehen sollte. Sein dritter Film „Die rote Laterne“ wurde schließlich in China dann auch zeitweilig verboten (und auch das sollte nicht der einzige bleiben). Gezeigt wird das Leben einer jungen Frau, die zwangsverheiratet unter dem rigiden Diktat ihres Mannes steht, das durch eine rote Laterne symbolosiert wird. Es braucht nicht viel, um dahinter eine unverhohlene Kritik am kommunistischen System zu erkennen.

Von Kritikern bis heute als einer der besten Filme der 90er Jahre betrachtet (nicht nur in China), muss er wohl als das entscheidende Moment angesehen werden, das Zhang Yimou den Ruf eines Systemkritikers und politischen Filmemachers einbrachte.

Die Aufmerksamkeit war ihm und seinen folgenden Filmen dann gewiss – oft unter denselben Vorzeichen: hochgelobt von ausländischen Kritikern und in der Heimat kontrovers diskutiert oder gleich verboten oder zensiert. Stilistisch sind in dieser Schaffensphase Zhang Yimous vor allem zwei Entwicklungen wichtig: Einserseits die Verwendung von Farben und deren Symbolik als grundlegendes Stilmittel in seinen Filmen, andererseits der Rückgriff auf die traditionelle chinesische Oper, die für Zhang Yimou zunehmend gleichermaßen als inhaltliche, wie visuelle Inspirationsquelle fungierte.

Der vermeintlich große Schock für die Kritiker folgte 2002 mit „Hero“, einem Martial-Arts-Film vor der historischen Kulisse der beginnenden Qin-Dynastie. Opulent und voll ästhetischer Poesie inszeniert, gilt der Film gerade unter Filmschaffenden weithin als cineastisches Meisterwerk. Demgegenüber steht die inhaltliche Grundaussage des Films: Der Einzelne (und vor allem sein Leiden) gilt im Angesicht eines übergeordneten Ziels oder einer entsprechenden Herrschaft nichts. Wo Zhang Yimous frühere Filme die Selbstbehauptung des Individuums im Kontext übergeordneter Hierarchien problematisierten, fordert „Hero“ letztlich die völlige Auflösung des Individuums in übergeordneten Strukturen. Schon im historischen Kontext Qin Shihuangdis erscheint es fragwürdig – als allgemeine Aussage jedoch lässt es sich als Apologie jedweder Tyrannei deuten.

Nicht nur Filmkritiker warfen Zhang Yimou daher vor, dass er damit letztlich auch Dinge wie das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz rechtfertige und auch der Vergleich mit Leni Riefenstahl wurde hier zum ersten Mal bemüht.

Wer nun hoffte, dass Zhang Yimou mit einem Film nachlegen würde, der die Dinge wieder ins rechte Licht rücken würde, lag falsch. Es folgten weitere historische (Martial-Arts-)Epen, die zwar visuell beeindruckend, aber ohne inhaltliche oder gar politische Tiefe waren. Auch die Rückkehr in die jüngere chinesische Geschichte brachte ihm nicht mehr die Anerkennung, die er einst genoss und selbst ein gelungener Film wie „Riding Alone for Thousands of Miles“ wurde auch von seinen Anhängern kaum noch beachtet. Das Gespenst der Systemhörigkeit geisterte durch die Rezeption seiner Filme und Zhang Yimou wurde es nicht mehr los. Seine Beteiligung an der Olympiade 2008 war dann noch einmal Öl ins Feuer seiner Kritiker, die ihn nun endgültig zum Laufburschen der chinesischen Regierung erklärten.

Was seine Kritiker aber bereits bei „Die rote Laterne“ ignorierten, waren Zhang Yimous Erklärungen, dass seine Filme nicht politisch sein sollten. Schon seit Jahren äußert er sich auch nicht über Politik, sondern spricht in Interviews lieber über Bildkomposition und Farbgebung. Als angebliches Vorzeigekind des chinesischen Kinos wurde er zudem nicht davor verschont, eine hohe Geldstrafe für Verstöße gegen die Ein-Kind-Politik zu zahlen. Die Bande zwischen ihm und der chinesischen Regierung sind also keineswegs so eng, wie es manche gerne sähen. Es scheint vielmehr so, dass gerade westliche Kritiker in ihm nur den avantgardistischen Kritiker wie in den 90ern oder aber den Erfüllungsgehilfen der Regierung wie in den 2000ern sehen können. Schon der Schwarzweiß-Charakter dieser Sichtweise macht deutlich, dass sie wohl nicht zutrifft. Vielmehr offenbart sie eine übertriebene Erwartungshaltung an Zhang Yimou als Künstler. Gerade in Bezug auf das Politische müssen diese Erfarung wohl viele Künster machen, angefangen von der Garagenband, der bereits beim ersten selbstgebrannten Album von überalterten Punks der Vorwurf der Kommerzailisierung gemacht wird.

Es verwundert daher nicht, dass sich Zhang Yimou in den letzten Jahren Hollywood und dem gänzlich harmlosen Blockbusterkino zugewandt hat. 2011 erfolgte mit „The Flowers of War“ eine erste Zusammenarbeit mit dem bekannten Schauspieler Christian Bale. Im Dezember 2016 erschien dann mit „The Great Wall“ das Prestigeprojekt chinesisch-amerikanischer Kooperation. Denn trotz Zensurmaßnahmen und anderer politischer Konflikte, sieht Hollywood in China den weltgrößten nationalen Absatzmarkt für seine Filme – und der ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Wie diese Zusammenarbeit sich auf Zhang Yimous Schaffen auswirkt, wird sich erweisen. Hollywood jedoch kann künstlerisch dabei von einer Zusammenarbeit mit einem Regisseur wie Zhang Yimou nur profitieren.

 

Robert Bude

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