Der Weg der Akzeptanz in Timor Leste

 

Wie ist die derzeitige Situation für Menschen, die von heteronormativen Regeln abweichen, in Timor-Leste einzuschätzen? Ist LGBT, ist Gender überhaupt ein Thema in dem Land?

Südostasiens jüngste Nation ist ein Beispiel dafür, wie Gesetzeslage und alltäglicher Umgang mit Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, queer, intersexuell, asexuell identifizieren, auseinanderklaffen können. Obwohl in dem Land, das erst im Jahre 2002 unabhängig wurde, nachdem es fast 450 Jahre unter portugiesischer Kolonialherrschaft stand und seit 1975 für 24 Jahre von Indonesien besetzt war, gleichgeschlechtliche Partnerschaften seit dem Jahre 1975 legal sind, fehlt es im gleichen Zug weiterhin an juristischem Schutz basierend auf sexueller Orientierung und Geschlechteridentitäten.

Im Jahre 2011 unterzeichnete Timor-Leste das joint statement on ending acts of violence and related human rights violations based on sexual orientation and gender identity der Vereinten Nationen und nur 15 Jahre nach der Unabhängigkeit fand die erste LGBT Pride Parade in Timor-Lestes Hauptstadt Dili statt, die nicht nur von Mitgliedern der LGBT-Community, Nonnen, Studierenden, Diplomat*innen und Aktivist*innen getragen wurde, sondern auch Unterstützung durch den Premierminister des Landes erfuhr: so forderte Rui Maria de Araujo die Bevölkerung Timor-Lestes in einer Videobotschaft dazu auf eine inklusive Gesellschaft zu schaffen, denn „Diskriminierung, fehlender Respekt und Missbrauch von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität hat keinen Nutzen für unsere Nation“.

Für die Aktivist*innen Timor-Lestes war die Parade, an der rund 500 Menschen teilnahmen, ein Meilenstein auf ihrem Weg der Anerkennung und der Gleichstellung.

Timor-Pride

Dili Pride 2017, Ost-Timor

Die Bestrebungen verschiedener Organisationen, Akzeptanz für Menschen der LGBT-Community in der breiten Bevölkerung zu schaffen, sind umso klarer nachzuvollziehen, wenn man sich vor Augen hält, dass trotz der Tatsache, dass die Gesetzeslage und die politische Unterstützung eine der progressivsten der Region sind, Lebensrealitäten für Menschen, die die von heteronormativen Regeln abweichen, teilweise von Gewalt und Stigmatisierung geprägt sind. In dem Research Report on the Lives of Lesbian and Bisexual Women and Transgender Men in Timor-Leste, 2017 der Organisationen Rede Feto and ASEAN SOGIE Caucus sind folgende Aussagen zu lesen:

„I was considered a demon by my family and most of the time I was isolated as they believe that I could sexually attack my siblings.“

“I was insulted by my sisters who call me names. I was beaten up by my family. My case was registered with police but nothing much happened.“

„I know my family too well. They are way too orthodox. Ours is a very religious family. I always knew that if I were to disclose my sexual orientation to my family, I would be in trouble.“

Diese Zitate zeigen nur allzu deutlich, dass die gesellschaftliche Akzeptanz, vor allem innerhalb familiärer Beziehungen, erst am Anfang des Weges steht und dass Menschen, die von heteronormativen Regeln abweichen, in Timor-Leste trotz bestehender Gesetze und der Unterstützung durch Kirche, Staat und zivilgesellschaftlichen Organisationen immer noch mit Ausgrenzung, Stigmatisierung und Gewalt konfrontiert werden.

Dabei muss in der Bewertung der Situation auch miteinbezogen werden, dass das Land, wie bereits erwähnt, noch sehr jung ist, und Herausforderungen wie die Aufarbeitung der Verbrechen, die während der Jahre der Besatzungszeit durch Indonesien ausgeführt worden sind, geschlechterspezifische Gewalt, Armut und Arbeitslosigkeit den noch jungen und von einer heterogenen Gesellschaft getragenen Staat vor zahlreiche Herausforderungen stellt.

Das Wissen und Bewusstsein, dass Menschen, die Teil der LGBT-Community sind, gleichen Schutz und eine gesellschaftliche Anerkennung verdienen, nimmt, auch aufgrund der zahlreichen engagierten zivilgesellschaftlichen Organisationen zu. Der Prozess der Veränderung hat erst begonnen und hält hoffentlich weiter an, sodass alle Menschen in Timor-Leste, unabhängig ihrer Identität und sexuellen Orientierung in Sicherheit leben können.

Kathrin Spenna

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