LGBT in Südkorea: von Chosŏn bis heute

Südkorea ist weltweit bekannt dafür, wie rapide und erfolgreich es sich in den Jahrzehnten seit dem Koreakrieg modernisieren konnte. Dennoch ist die politische Stimmung im Land nach wie vor in vielen Menschenrechtsangelegenheiten eher konservativ, und die Rechtslage für LGBT-Minderheiten lässt zu wünschen übrig. Bevor hier eine Prognose für die Zukunft von sexuellen Randgruppen in Südkorea gestellt werden kann, lohnt es sich zu fragen: Woher kommt die ablehnende Haltung gegenüber der Gemeinschaft, und bestand sie bereits zu Zeiten vor „Einfall“ des Westens?

Obwohl Homosexualität im alten Korea nicht unbedingt angesehen oder als Norm behandelt wurde, kam es nur selten vor, dass sie negative Folgen für den Einzelnen nach sich zog: Laut Konfuzius war Sexualität eine private Angelegenheit, die nicht öffentlich diskutiert werden sollte. Der Großteil der Bevölkerung hielt sich an diesen Grundsatz und stellte anderer Leute Sexualität schlicht nicht in Frage. Auch in buddhistischen Tempeln war Homosexualität noch lange vertreten, denn das Zölibat der Mönche dort galt lediglich für heterosexuelle Praktiken.

Homosexualität und homosexuelle Praktiken wurden im Alltag des alten Koreas also nicht direkt angegriffen oder verfolgt. Trotzdem wurden homosexuelle Neigungen auf Basis des Konfuzianismus oft dafür benutzt, politische Persönlichkeiten zu kritisieren. Wurden deren entsprechende Neigungen zu deutlich oder exzessiv, entsprachen sie damit nicht mehr ihrer sozialen Rolle und konnten schnell zum Ziel von Anfeindungen werden. Außerhalb von politischen Machtkämpfen aber existierte diese Strenge kaum. Zwar beinhalteten die konfuzianischen Werte der Chosŏn-Zeit Keuschheit und Reinheit, doch bestand ein deutlicher Unterschied zwischen dem, was nach der Volksideologie angesehen war, und dem, was im Volk tatsächlich praktiziert wurde. Homosexualität war zu dieser Zeit nichts, was – wie in vielen modernen Ansichten – die ganze oder zumindest Teile der Identität eines Individuums bestimmt, und die Darstellung selbiger wurde von westlichen Reisenden in Korea als eher offen empfunden. Es waren hauptsächlich christliche Diskurse, die mit Eintreffen von Reisenden und der Kolonialisation den Blick auf Homosexualität veränderten. Westliche Missionare empfanden homosexuelle Praktiken, vor allem die öffentliche Zurschaustellung eben jener, als unmoralisch, und die Ansichten bezüglich Sexualität in Korea begannen, sich zu verändern.

Wie also wirkt sich diese Entwicklung bis ins heutige Zeitalter aus?

In der Geschichte Südkoreas gab es nie ein direktes Gesetz gegen Homosexualität, wobei gelegentlich andere Gesetze, zum Beispiel gegen „Hooliganismus“ gegen Homosexuelle genutzt wurden. Heute herrscht ein solches Verbot im südkoreanischen Militär, nicht aber im Rest des Landes. Dennoch wird dort keine gleichgeschlechtliche Ehe anerkannt, es gibt keinen Schutz für gleichgeschlechtliche Partnerschaften, ebenso keinen Schutz für Homosexuelle vor Diskriminierung am Arbeitsplatz, oder Rechte für gleichgeschlechtliche Eltern. Obwohl eine unabhängige nationale Kommission existiert, die sich um LGBT-Angelegenheiten bemüht, ist die konservative Regierung Südkoreas bisher uninteressiert an jeglicher Änderung dieser Begebenheiten.

Im Militär Südkoreas sind homosexuelle Handlungen bis heute verboten. Koreas nationale Kommission für Menschenrechte versucht konstant dagegen anzugehen, mit Bezug auf eben jene Menschenrechte. Doch im jüngsten Fall im Jahr 2011 hielt das Gericht das Verbot weiterhin aufrecht. Als Grund hierfür wurde angeführt, dass man den Kampfgeist im Militär und die nationale Sicherheit erhalten wolle. Das Gericht verteidigte sich außerdem damit, dass nur der sexuelle Akt selbst verboten sei, von der sexuellen Orientierung der Soldaten sei nicht die Rede.

Doch die Haltung des koreanischen Volkes gegenüber LGBT-Angelegenheiten verändert sich. Sichtbar ist das bereits in der Entwicklung von Organisationen, öffentlichen Protesten, und einer hilfreichen Internetcommunity. Doch auch außerhalb der Gemeinde selbst finden positive Veränderungen statt. Es besteht eine sichtbare Toleranzkurve, die sich zum Beispiel anhand der Fernsehpersönlichkeit Hong Seok-cheon veranschaulichen lassen kann.

Hong outete sich im Jahr 2000 als schwul und wurde in direkter Folge von seiner Position im Fernsehen gefeuert. Drei Jahre später jedoch war es ihm möglich, ins Rampenlicht zurückzukehren und er führt seitdem seine Karriere erfolgreich weiter, wenn auch mit leichten Abzügen an seiner allgemeinen Beliebtheit. Des Weiteren sind mehrere Transfrauen in der koreanischen Entertainment-Industrie aktiv und seit Jahren erfolgreich. Die Sängerin Lee Kyungeun (Künstlername Harisu) genießt trotz ihrer Geschlechtsidentität eine gelungene Karriere, ebenso wie die transgender Models Choi Hanbit und Lee Siyeon.

Man_in_Jesus_Costume_Counter-protesting_Christian_Anti-gay_ProtestRobert Evans, US-amerikanischer Fotograf, verkleidet als Jesus auf dem Queer Culture Festival Seoul 2017

Außerdem ist es vor allem der visuelle Teil der Medienbranche, der seit Jahren dazu beiträgt, Homosexualität in der Gesellschaft sichtbar zu machen. Einer der ersten koreanischen Filme, der sich mit dem Thema beschäftigt, ist Wang‘ŭi Namja (The King And The Clown), der 2005 veröffentlicht wurde und sehr erfolgreich war. Schwule Nebencharaktere gibt es heute auch in koreanischen Serien immer öfter, wie zum Beispiel im Drama insaengŭn arŭmdawŏ (Life Is Beautiful).

Im Jahr 2013 gaben 39% der Südkoreaner an, dass sie der Meinung seien, Homosexualität solle in ihrer Gesellschaft akzeptiert werden. Im Vergleich mit anderen Ländern (Spanien lag bei 88%) scheint das keine hohe Zahl zu sein, jedoch sollte betont werden, dass der Prozentsatz in Südkorea im Jahr 2007 noch bei 18% lag, was die vorher beschriebene Toleranzkurve belegt. Diese Entwicklung ist ebenfalls nicht weltweit selbstverständlich: Im selben Zeitraum ist die Akzeptanzbereitschaft für Homosexualität in Frankreich zum Beispiel von 83% auf 77% gefallen.

Zusätzlich lässt sich eine Prognose für zukünftigen Wandel vor allem dann machen, wenn man die Altersunterschiede im Umfrageergebnis beachtet. So sprachen sich in Südkorea lediglich 16% der über 50-Jährigen dafür aus, Homosexualität zu akzeptieren, jedoch 48% der 30-49-Jährigen, und 71% der 18-29-Jährigen. Dies macht deutlich, dass die jüngere Generation Südkoreas durchaus gewillt ist, Menschen für ihre sexuelle Orientierung zu akzeptieren, und ein nationaler Sinneswandel bereits stattfindet.

Auf dieser Basis lässt sich mit großer Sicherheit sagen, dass die Situation der LGBT-Gemeinschaft in Südkorea eine positive Zukunft hat. Die aktuelle Lage wirft für Betroffene noch zahlreiche Schwierigkeiten auf, doch bestehen bereits wichtige Voraussetzungen für einen baldigen Umschwung, der, mit Blick auf die aktuelle Lage in vor allem visuellen Medien, womöglich schon im Gange ist. Wie schnell diese Entwicklung vonstattengehen und wie oft es auf dem Weg zu Rückschlägen kommen wird, lässt sich noch nicht sagen. Möglich ist, dass es noch eine lange Zeit in Anspruch nehmen wird, bevor Homosexuelle und Transgender in Südkorea dieselben Rechte genießen wie alle anderen Bürger, doch dass die LGBT-Bewegung in ihren Zielsetzungen Fortschritte macht, lässt sich nicht abstreiten.

Jason Born

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