ASIEN Süß-Sauer: Interview mit Bawk La Hpauna

Bawk La Hpauna ist Projektleiter bei Naushawng Education Network (NSEN) in Myanmar.

In welchem Bereich sind Sie aktiv?
Ich engagiere mich zu den Themen Menschenrechte und Umwelt. Mein Hauptfokus liegt in den Themengebieten Ressourcenabbau, Dammbau, Landrecht und Bildung.

Warum engagieren Sie sich in diesem Gebiet?
Myanmar ist inzwischen eine Demokratie, doch es bleiben viele Herausforderungen für uns. Die Menschenrechtssituation im Shan- und Kachin-State ist desolat, nicht zuletzt durch das Militär. Das Wirtschaftswachstum führt zu Umweltzerstörungen und sozialen Problemen. Ich sehe mich als Kontrollinstanz für die Regierung.

Welche Probleme tauchen bei Ihrer Arbeit auf? Sehen sie Schnittpunkte zu Bewegungen in Deutschland?
Die Regierung gibt nur spärlich Informationen preis, was unsere Arbeit erschwert. Auch das neue Gesetz für NGOs (Artikel 17/1) erschwert unsere Arbeit, da wir unter Umständen als illegale Vereinigung angeklagt werden könnten. Die neue Entwicklung, das Telekommunikationsgesetz zu benutzen, um Kritik an Militär, Verfassung und auch der NLD und zu bestrafen, bedeutet für unsere Arbeit eine zusätzliche Gefahr. Leider sehe ich wenig Raum für Zusammenarbeit zwischen unseren Bewegungen.

Aktivismus ist für mich…
Seine Stimme für die ohne Stimme zu erheben, um Gerechtigkeit zu erreichen.

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ASIEN Süß-Sauer: Das Land der Tamilen

ASIEN Süß-Sauer: Das Land der Tamilen

Kommt das Thema Indien zur Sprache, so weckt dies wahrscheinlich bei den meisten Bilder und Assoziationen im Kopf – so klischeehaft diese auch sein mögen. Yoga, Hinduismus, bunte Saris und Taj Mahal. Fragt man allerdings nach Tamil Nadu – dem alten Süden des Landes – werden wohl viele ins Stocken geraten. Touristen wie auch die Weltöffentlichkeit konzentrieren sich oft auf den Norden des Landes. Dabei hat das Land der Tamilen eine uralte Geschichte, umwerfende tropische Landstriche und Tempel. Hier findet man das ursprüngliche Indien, das fast unberührt vom Einfluss des Kolonialismus geblieben ist.

Eine Schweizer Ethnologin hat sich diesem Flecken Erde voll und ganz verschrieben. Vor einem Jahr gründete Sabine NILAM, eine Schweizer Organisation, die sich für die Bewahrung und Förderung der indigenen Wissensressourcen der tamilischen Kultur einsetzt. Sie lebt mit ihrem Ehemann, der dort die indische Partnerorganisation SAPPHIRE TRUST leitet, in Madurai. Wir haben mit ihr über die Arbeit von NILAM und die sozialen und ökologischen Herausforderungen der tamilischen Gesellschaft gesprochen.

Mit welchen Themen beschäftigt sich NILAM und was sind eure Anliegen und Ziele?

Das zentrale Bestreben unserer Arbeit ist die Integration indigenen Wissens und traditioneller Praktiken der Lokalbevölkerung in die nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit. NILAM fördert und realisiert deshalb Aktivitäten, die die Vermittlung, Wiederbelebung und Anwendung traditionellen Wissens zum Ziel haben. Auch im Westen kann sich dieses Wissen positiv auf die Gesellschaft auswirken. Außerdem setzen wir uns für soziales Unternehmertum ein. Wir sind überzeugt, dass unternehmerischer Erfolg nicht allein am Profit gemessen werden darf. Gleichzeitig kann unternehmerisches Handeln – wird es sozial und ökologisch verträglich umgesetzt – zu gesellschaftlichen Veränderungen führen.

An welche Individuen und Gruppen richtet sich eure Arbeit, für wen setzt ihr euch ein?

Wir engagieren uns vor allem für Migranten, Landwirte, Frauen und anders begabte Kinder ein. Dazu arbeiten wir am Aufbau umweltfreundlicher Betriebe und der Schaffung neuer Arbeitsplätze in traditionellen Beschäftigungsfeldern. Besonders möchten wir auch zur Völkerverständigung beitragen und in der Schweiz und in Deutschland, wo es eine große tamilische Diaspora gibt, die kulturelle Identität der Tamilen stärken.

Was macht für dich die tamilische Kultur so einzigartig?

Das heutige Tamil Nadu blieb relativ unberührt vom Einfluss und Wirken der Kolonialmächte. Darum kann man hier die indische Kultur in ihrer ganzen Authentizität erleben. Die Artenvielfalt seines tropischen Naturreiches ist überwältigend. Jahrtausendealte, atemberaubende Tempel schaffen eine einzigartige Atmosphäre. Die Tamilen haben ein tiefes Verständnis und einen unerschöpflichen Wissensschatz über das Leben, die Natur und die Ressourcen. Dieses Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben und ist von unschätzbarem Wert.

Welchen Problemen und Herausforderungen stehen diese Umwelt und das tamilische Wissen heute gegenüber?

Wir sehen die Hauptursache für Entwurzelung, Armut und die Zerstörung der Natur in kulturfremden Werten und Lebensweisen. Einheimische Völker werden ihrer intakten Umwelt beraubt, was auch das soziale Gefüge und die Kultur beeinflusst. Den Menschen wird ihre Lebensgrundlage entzogen, die in direkter Verbindung zu ihrer Identität steht. Alle Projekte von NILAM schöpfen aus dem indigenen Wissen. Zu bewahren, was die Kulturen Südindiens und Sri Lankas im Laufe ihrer langen Geschichte hinzugewonnen haben, dient keinem Selbstzweck, sondern bietet eine echte und nachhaltige Alternative zu den Methoden des Globalen Nordens.

Gibt es in Tamil Nadu (weitere) Organisationen, die sich für den Erhalt indigenen Wissens und für den Schutz der tamilischen Kultur einsetzen?

Es gibt viele lokale Organisationen, die sich für den Erhalt der Kultur und die Wahrung des Naturerbes einsetzen. Oft fehlt es ihnen aber an finanziellen Mitteln, was ihre Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen und aktiv zu werden,  stark einschränkt. Dies ist einer der Gründe, warum wir NILAM ins Leben gerufen haben. Viele Politiker sind korrupt und konzentrieren sich nur auf ihre eigenen Interessen. Durch die Förderung der Ansiedlung von Firmen des Globalen Nordens, wird die Ausbeutung von Mensch und Natur stark vorangetrieben.

Welche Projekte plant ihr mit NILAM derzeit?

Gerade befinden wir bei der Vorbereitung eines Dokumentarfilmes über die Hintergründe der Agrarkrise in Tamil Nadu. Der Druck, den große Unternehmen und lokale Geldverleiher auf Landwirte ausüben, hat schon Unzählige in den Ruin und häufig sogar in den Selbstmord getrieben. Hinzu kommen Ernteausfälle, die die Situation weiter verschärfen. Stark abhängig von der Intaktheit der lokalen Natur ist auch das traditionelle tamilische Heilsystem, die Siddha Medizin. Da sie v.a. einheimische Kräuter verwendet, stellt sie für die Bevölkerung eine günstige Alternative zur Schulmedizin dar. Die Zerstörung der Umwelt durch moderne Anbaumethoden ist darum auch im Zusammenhang mit dem Gesundheitsbereich ein großes Problem, was der Film ebenfalls thematisiert.

In Zukunft möchten wir die Siddha Medizin und andere traditionelle Wissensschätze einem breiten Publikum näherbringen und vor Ort zugänglich machen. Dies sollen Studienreisen ermöglichen, die Studenten, Tamilen und andere Interessierte ansprechen.

Und zuletzt: Wie erlebst du als Schweizerin die tamilische Gesellschaft?

Die Tamilen erlebe ich als spontane, warmherzige und noble Menschen. Die Schweizer Gesellschaft nehme ich als sehr “mechanisch” und kopflastig wahr. Für Herzlichkeit und Tiefgründigkeit bleibt im Alltag wenig Raum. Für die tamilische Kultur haben moralisches und ethisches Verhalten einen hohen Stellenwert. Status und Wohlstand sind nicht so wichtig wie eine selbstlose, spirituelle Lebensweise. Zuerst kommt das Gemeinwohl, dann erst die eigenen Wünsche.

Interview geführt von Eva Kunkel

 

ASIEN Süß-Sauer: Interview mit Pavin Chachavalpongpun

ASIEN Süß-Sauer: Interview mit Pavin Chachavalpongpun

Pavin Chachavalpongpun ist Professor am Centre for Southeast Asian Studies, Kyoto University.

In welchem Bereich sind Sie aktiv?
Ich fordere Demokratie und Gerechtigkeit in meinem Land, speziell die Abschaffung des Lese Majeste-Gesetzes, die Freilassung politischer Gefangener und den Rückzug von Militär und Monarchie aus der Politik.

Warum engagieren Sie sich in diesem Gebiet?
Das hat zwei Gründe: Zum einen ist es meine Pflicht als Lehrender. Ich muss mich mit der politischen Situationen beschäftigen, neue Agenden voranbringen und die Machthabenden kritisieren. Zum anderen bin ich Thai und Mensch. Ungerechtigkeit in meinem eigenen Land zu sehen kann ich nicht ertragen.

Wo sehen Sie Möglichkeiten der Solidarität zwischen Bewegungen in Thailand und Deutschland?
Eher wenige. Allein schon in den pro-demokratischen Bewegungen in Thailand gibt es kaum Einigkeit, selbst in der Rothemden-Bewegung ist eine Fragmentierung erkennbar. Hinzu kommt, dass die thailändische Bevölkerung eher passiv ist und nicht viele gewillt sind, gegen die Diktatur zu kämpfen. Sie könnten schließlich verhaftet, verurteilt oder getötet werden, wobei die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Dennoch gibt es Möglichkeiten der Kooperation zwischen jenen in Deutschland und in Thailand, die Konferenz in Bonn (2016) hat ja auch gezeigt, dass wir es schaffen können, durch akademische Aktivitäten.

Aktivismus ist für mich…
…der Mut, Ansichten für eine bessere Gesellschaft voranzubringen.

ASIEN Süß-Sauer: Interview mit Michael Beltran

ASIEN Süß-Sauer: Interview mit Michael Beltran

Michael Beltran ist Öffentlichkeitsreferent bei KADAMAY (Bündnis der städtischen Armen, Philippinen).

In welchem Bereich sind Sie aktiv?
Seit mehreren Jahren bin ich in der progressiv-militanten Studierendenbewegung aktiv und engagiere mich zudem in kulturellen Bewegungen als Musiker. Seit Anfang 2016 arbeite ich nun mit Organisationen der städtischen Armen. Mit ihnen als viel geschmähter Gruppe zusammenzuarbeiten scheint wie ein neuer Horizont für soziale Bewegungen. Als Teil der ärmsten und marginalisiertesten Gruppe haben diese Menschen das Recht für ihre eigene Würde zu kämpfen.

Warum engagieren Sie sich in diesem Gebiet?
Wieso auch nicht? Wenn man einmal über die Situation der Gesellschaft Bescheid weiß, ist es schwer, wieder mit dem Engagement aufzuhören, trotz der Mühen und Rückschläge. Speziell der Schrei nach Wandel im Jahre 2005, als der Wahlbetrug der ehemaligen Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo öffentlich wurde, hat mich in seinen Bann gezogen. Bewegungen wirken, wenn Menschen immer wieder von ihnen angezogen werden und es eine gewisse Dringlichkeit gibt. In meinem Fall habe ich es gefühlt, die Bewegung wirkte.

Wo sehen Sie Möglichkeiten der Solidarität zwischen Bewegungen in den Philippinen und Deutschland?
Die größte Chance für Solidarität besteht in der Konfrontation der größten Bedrohung der Menschheit heutzutage, Imperialismus. Krieg, Hunger, und Ungleichheit sind Produkt der imperialistischen Mächte, die verheerende Auswirkungen auf die Welt hinterlassen.

Aktivismus ist für mich…
Für mich bedeutet Aktivismus das Bewusstsein, dass es fundamentale Fehler im System gibt und diese durch die Kraft der Menschen überwunden werden können, denn diese sind die Macht, die Wandel hervorbringen kann.

ASIEN Süß-Sauer: ‚Vom Prinzip Hoffnung‘

ASIEN Süß-Sauer: ‚Vom Prinzip Hoffnung‘

Wie so viele andere wollte Dennis Freischlad nach dem Ende der Schulzeit nur weg. Rein ins Abenteuer, reisen – jung, frei und ungebunden. Er hatte Brasilien im Kopf. Seine damalige Freundin dagegen wollte nach Indien. Von mir aus, dachte er sich. Was ihn dort erwartete war ein Land, so fremdartig und anders, Galaxien entfernt vom gewohnten. Diese erste Begegnung mit Bharat Mata (Mutter Indien) vor nun 15 Jahren, sollte der Anfang einer bis heute dauernden Geschichte sein. Denn nach einem Jahr Abwesenheit, zurück in Europa, schien ihm sein altes Leben wie entrückt. Die bleichen weißen Menschen fielen ihm zuerst auf. Die Schwere in ihnen. Die Stille in den Straßen. Man hört keine Menschen, keine Tiere. Kein Leben. Dennis wollte zurück nach Indien – und blieb.

Im Dumont Verlag erschien 2013 sein erstes Buch. In „Die Suche nach Indien“ (Dumont Verlag, 2013) erzählt er die Geschichte seiner Reise vom alten Süden Indiens bis in die heiligste Stadt der Inder, Varanasi. Trotz dass Dennis zu diesem Zeitpunkt schon Jahre in Indien lebt, ist er in diesem Buch auch wieder Reisender und Suchender, nach dem was Indien vielleicht sein könnte. Die Suche nach Indien ist eine Geschichte, ein Reisebereicht, Prosa und Lyrik. An mancher Stelle voll großer Worte, an anderer ganz schlicht. Dennis Reise begleiten unzählige Begegnungen, mit Fremden wie alten Freunden. Und immer wieder stellt er die Frage was dieses Land ist, wie es fühlt und denkt, wo es stolpert – und wieso es doch irgendwie funktioniert. Nicht zuletzt habe die Entscheidung für ein Leben hier ihm Zeit geschenkt, meint Dennis. Dies höchste Gut, das uns hier in unserem Alltag stetig durch die Finger zu rinnen scheint, hat in Indien eine andere Bedeutung. Im Buch schreibt er:

„In Indien ist es unmöglich, eine verlässliche Auskunft zu kommen, wenn es um die Öffnungszeiten, Termine oder Fahrpläne geht, kurzum: wenn irgendetwas mit dem absurden, bestenfalls philosophischen Prinzip zu tun hat, welches wir Zeit nennen.
Dass der Inder stets in der Gegenwart lebt, ist ein weiterer großer Irrtum über das Land. Denn bei dem vermeintlichen Leben im Jetzt handelt es sich in Wirklichkeit um Ewigkeit. Immerwährendes Andauern, das sich nicht über einen endlosen Zeitraum definiert, sondern gerade durch das Fehlen jeglicher Zeit. Ewigkeit vergeht nicht.
Und Ewigkeit kennt keine Ankunftszeiten.“ (S.96)

Trotzdem unterliegt auch Indien, wie alles und jeder, dem Wandel und den Phänomenen unserer Zeit – die Hektik, der Konsum, der Drang mithalten zu wollen – formen und verändern das Land und seine Menschen. Die Gesellschaft ist immer noch stark eingeteilt und strukturiert, hergeleitet aus der Religion. Der Hinduismus durchzieht ganz Indien. Die Menschen, ihr Leben, Handeln und Denken, genauso wie die Politik. Gleichzeitig wird es auch in Indien immer wichtiger Geld zu verdienen und sich das Glück erkaufen zu können. Natürlich gibt es auch Bewegungen die sich gegen diese Veränderung stemmen. Die, die gerade jetzt versuchen die Kultur zu beschützen, Traditionen zu wahren und altes wiederzubeleben. Oft geschehe dies aber aus einer negativen, defensiven Position heraus und gerate zum Zwang, so Dennis. Die Hindu First Politik der Regierung sei hierfür ein Beispiel. Doch das Herz Indiens sei immer noch eine große Ehrlichkeit mit sich und den Wirklichkeiten der Welt.

 

Bild2 Prinzip Hoffnung
„Die Taten kommen alle zu Stand durch Eigenschaften der Natur; Wen Selbstbewusstsein töricht macht, der denkt: Ich bin der Täter, ich!“ (S.108)

 

Nirgendwo sonst kann man so viel Trauer, Schmerz und Dunkelheit erfahren. Gleichzeitig ist Indien ein einziger großer Höhenflug. Alles, was im Kosmos von Erde und Mensch möglich ist, die ganze Breite und Tiefe an Gefühlen, Erlebnissen, Empfindungen, begegnet einem hier. Indien ist extrem, direkt, ungefiltert. Das heilige, große und wunderschöne koexistiert nebst dem barbarischen, niederen und fiesen. Die Inder wissen, dass das Gute wie auch das Schlechte der Natur und ihren Energien, genauso wie dem Menschen, inhärent ist. Die Dunkelheit und das Licht entstammen derselben Quelle. Darum ist beides anzunehmen, zu akzeptieren und gehört untrennbar zueinander. Dieses Prinzip begleitet jede Inderin und jeden Inder. Es steckt in den heiligen Texten, der Kunst und der Kultur. Gleichzeitig bedingt dieses Prinzip eine Gnadenlosigkeit in der Gesellschaft. Die Ganga, der heiligste Fluss des Landes, ist Sinnbild des Göttlichen, wird verehrt und geliebt – und ächzt gleichzeitig unter Müllbergen, wird verschmutzt und zerstört.

Licht und Schatten zugleich stecken auch im Kastensystem. Immer noch präsent, weist es jedem Inder seinen Platz im Leben und der Gesellschaft zu. Was uns überholt, beschränkend und diskriminierend erscheint, bedeutet aber auch Struktur und Identität in einer schier unüberblickbaren und riesengroßen Masse an Menschen. Im Westen müsse man sich den Sinn des Lebens jeden Tag selbst suchen, meint Dennis. Es werde einem suggeriert man könne alles schaffen und erreichen. Doch scheitern sei hier ein Netz ohne Boden. Das feste indische Gesellschaftssystem, biete Gewissheit und Sicherheit.

„(…) Die Einsamkeit des Individuums gibt es hier nicht, jeder ist gemeinschaftlich eingebunden, sei es in der Familie, der Religion, dem Beruf oder der Kaste. Sogar die Persönlichkeit ist immer mit einem höheren Prinzip verkettet, mit einem karmischem Wirken. Letztendlich ist das eigene, jetzige Leben von geringer Bedeutung.“ (S.166)

Die Suche nach Indien ist ein Buch mit Erzählungen, so gegensätzlich wie Indien selbst. Dennis trifft auf Aggressivität, krasse Armut und Sinnbilder einer Gesellschaft, deren Menschen die Dunkelheit kennen. Im nächsten Moment begegnen ihm Warmherzigkeit und Ehrlichkeit. Die Inder behandeln den weißen Mann mit einer manchmal rohen Neugierde – und treiben ihn in mancher Hinsicht zum Wahnsinn. Dennis legt sich eine stoische Gelassenheit zu und hält sich an zwei indische Prinzipien – Hoffnung und Akzeptanz. Am Ende erreicht er sein Ziel Varanasi

Eva Kunkel

Die ASIEN Süß-Sauer ist wieder da!

Die ASIEN Süß-Sauer ist wieder da!

Liebe KommilitonInnen,

das Jahr 2017 neigt sich dem Ende zu, und somit ist die Veröffentlichung unserer Broschüre „ASIEN Süß-Sauer“ abgeschlossen! Das Thema unserer diesjährigen Broschüre steht unter dem Motto „Stimmen aus Asien“ und ist somit weit gefächert! Die Nachrichten aus Asien waren im Jahr 2017 leider nicht besonders positiv, mit Themen wie „Atompolitik aus Nordkorea“ und „Genozid an den Rohingya“ als Hauptfokus.

Deshalb wollen wir das Augenmerk in unserer diesjährigen Broschüre auf unbekanntere, gleichzeitig aber nicht minder interessante Themen legen und weitere Stimmen aus Asien gehört werden lassen. Mit dabei sind spannende Interviews mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Interessenvertretungen:

Sowohl Pavin Chachavalpongpun, Professor am Centre for Southeast Asian Studies an der Kyoto Universität, als auch Michael Beltran, Öffentlichkeitsreferent bei KADAMAY (Bündnis der städtischen Armen; Philippinen) und Bawk La Hpauna (Myanmar), Projektleiter bei Naushawng Education Network (NSEN) kommen in der Broschüre zu Wort und geben einen Einblick in ihre Tätigkeiten und auch Ziele. Des Weiteren erfahren wir von Dennis Freischlad von seiner Wahlheimat Indien aus seinem Buch und lernen etwas über die schweizerische N-GO NILAM, welche ebenfalls in Indien tätig ist.

Sobald ihr diese Broschüre in der Mensa ausliegen seht, könnt Ihr unsere Beiträge auch dieses Mal wieder hier auf unserem Blog nachlesen. Somit wünschen wir von der Hochschulgruppe Asienhaus frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Nadja Schaffer
Asienhaus-HSG Bonn

Zum ersten Beitrag geht es hier.

ASIEN Süß-Sauer: ‚Inspiring People‘ Sirikan Charoensiri – Thailands Zivilgesellschaft vor Gericht

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Charoensiri 2015, nachdem ihre Fingerabdrücke genommen wurden.

Thailands Zivilgesellschaft hat dieser Tage einen schweren Stand. AktivistInnen fordern die Demokratie zurück, fordern ein Ende der politischen Bevormundung durch Militär und Königshaus – und die Wahrung ihrer grundlegenden Menschenrechte. Nicht selten werden sie dafür verhaftet.

Am 22. Mai 2014 übernahm das thailändische Militär in einem unblutigen Putsch die Regierungsgewalt und löste das demokratisch gewählte Parlament auf; im Zuge dessen wurde ein Militärrat, das National Council for Peace and Order (NCPO), mit Vollmachten ausgestattet, welcher bis zu einer – eigentlich für 2016 angesetzten, dann aber auf frühestens 2018 vertagten – Verfassungsreform die politischen Geschicke des Landes lenkt. Der Vorsitzende des NCPO, Prayuth Chan-o-cha (Ex-Militär und konservativer Königstreuer), verhängte umgehend den Ausnahmezustand und erließ eine Interrims-Verfassung, die unter anderem „Versammlungen zu politischen Zwecken“, aber auch Kritik an der NCPO, an Chan-o-cha selbst oder an dem Verfassungsentwurf unter Strafe stellte. Eigens für diese Fälle wurden Militärgerichte eingesetzt, die auch gegen Zivilisten tagen.

„Ich wusste, Menschen würden Beistand benötigen.“

Kurz nach dem Militärputsch gründete Sirikan Charoensiri, eine thailändische Anwältin, zusammen mit Kollegen die Vereinigung Thail Lawyers for Human Rights (TLHR), mit dem Ziel, Menschen, die unter dem Ausnahmezustand verhaftet und angeklagt wurden kostenlose Rechtsberatung zur Verfügung zu stellen und sie gegebenenfalls auch zu verteidigen: „Ich wusste, Menschen würden rechtlichen Beistand benötigen. Also gründeten wir TLHR“, so Charoensiri.

Und die Zahlen geben ihr Recht: Seit Mai 2014 hat sich die Zahl der Anklagen wegen Majestätsbeleidigung verdreifacht; die Zahl derer, die seit 2014 dafür inhaftiert wurden, hat sich gar verachtfacht. Unter der NCPO ist Paragraph 112, der Majestätsbeleidigung in Thailand unter Strafe stellt, zu einem Instrument geworden, um jedwede unliebsame Stimme zum Schweigen zu bringen. Kritik am Militär und Kritik am Verfassungsentwurf werden gleichgesetzt mit Kritik am Königshaus. Es scheint, als sei die dreifache Staatsdoktrin von König, Buddhismus, und Thainess entscheidend erweitert worden. Inzwischen gilt: König und Militär, Buddhismus und Thainess.

Am 26. Juni 2015 sollte Sirikan Charoensiri, zusammen mit einigen Kollegen der TLHR, eine Gruppe von StudentInnen vertreten, die am selben Tag verhaftet worden waren. Die Studierenden, 14 an der Zahl, sind Mitglieder der 2014 gegründeten studentischen Gruppierung New Democracy Movement (NDM), die seit ihrer Entstehung wiederholt zu friedlichen Zusammenkünften aufgerufen hatte, um durch gewaltlosen Widerstand gegen die Militärdiktatur zu protestieren. Am 22. Mai 2015, zum ersten Jahrestag des Putsches, organisierte NDM eine Gedenkveranstaltung, die von Ordnungskräften aufgelöst wurde. Die beteiligten Mitglieder wurden verhaftet, jedoch kurze Zeit später wieder freigelassen.

„Und ich fragte mich: Bin ich bereit, eine Menschenrechtsanwältin zu sein?“

Kaum einen Monat später wurden sie erneut in einer groß angelegten Razzia verhaftet, der Volksverhetzung und der illegalen politischen Zusammenkunft angeklagt und vor ein Militärgericht gestellt. Charoensiri beriet sich vor der Fahrt zum Gefängnis mit ihren Klienten und begleitete sie; Misshandlung und Folter sind bei polizeilichen Verhören in Thailand längst keine Seltenheit mehr. Auf der Polizeistation angekommen, sollte Charoensiri einer (willkürlichen) Durchsuchung ihres Wagens zustimmen, gegen die sie sich zunächst weigerte. Ihr war bewusst, dass sich dort die Mobiltelefone ihrer Klienten, wie auch vertrauliche Akten zu anderen Fällen befanden: „Ich erklärte, ich würde Strafanzeige wegen Amtsmissbrauch stellen. Der Stationsdirektor entgegnete, man würde mich im Gegenzug mit einer Vielzahl von Gegenklagen überziehen – und ich fragte mich: Bin ich bereit, eine Menschenrechtsanwältin zu sein?“ Die Durchsuchung ihres Wagens wurde schließlich während ihres Aufenthalts auf der Polizeistation durchgeführt. Ohne ihr Einverständnis.

Die Verteidigung der Mitglieder von DM sollte Charoensiris erste Verdeitigung für TLHR werden. Doch seit 2014 wird immer klarer, dass die Verflechtung von Militär und Polizeit für die thailändische Zivilgesellschaft ein lange nicht mehr dagewesenenes Maß an Repression bedeutet. Sirikan Charoensiri wurde im Mai und Oktober 2016 der Volksverhetzung, der Anstriftung zur illegalen politischen Versammlung und der Beweisvereitelung angeklagt. Zudem erhielt sie auf ihre Beschwerde hin eine Anzeige wegen falscher Verdächtigung. Ihr, der Rechtsanwältin, werden nun unter anderem die Dinge vorgeworfen, die auch ihren Klienten vorgeworfen werden. Sollten diese Anklagen vor einem Militärgericht verhandelt werden, so drohen der 29-Jährigen bis zu 15 Jahre Haft.

Der Fall Sirikan Charoensiri ist beispielhaft für Thailands demokratischen Rückschritt

Doch auch andere AktivistInnen, die in den Augen des Militärs der NDM zu nahe stehen oder ein zu positives Licht auf sie werfen, sind Zeugnis der massiven zivilgesellschaftlichen Unterdrückung: Baramee Chaiyarat, Vorstandsmitglied bei Amnesty International Thailand wurde für seine Berichterstattung und Unterstützung von NDM ebenfalls der Volksverhetzung angeklagt. Im Juli 2016 wurde ein Journalist, der ein Portrait über NDM anfertigen wollte und mit der Gruppe gesehen wurde, für kurze Zeit verhaftet.

Indes gibt Sirikan Charoensiri ihre Zivilcourage und ihre Hoffnung auf eine Rückkehr Thailands zur Demokratie nicht auf: „Ich bin nicht entmutigt. Wenn ich die Prinzipien verwerfe, die ich vertrete – was würden meine Klienten von mir denken? Und wer würde sie dann vertreten?“ Derzeit darf sich die Menschenrechtsanwältin frei bewegen, spricht für Organisationen wie FORUM ASIA und TLHR auf internationalen Konferenzen. Im Mai dieses Jahres wird ihr der niederländische Lawyers for Lawyers-Preis verliehen für ihren „unterschütterlichen Mut und ihren rückhaltlosen Einsatz“. Und für die Tatsache, dass sie „die Aufmerksamkeit auf die derzeitige Menschenrechtssituation in Thailand lenkt, die im Westen relativ unbekannt ist.“

Ihr Fall ist geradezu beispielhaft für die demokratischen Rückschritte, die Thailand seit 2014 gemacht hat – und in gleicher Weise ein Beispiel für die Ausdauer der thailändischen Zivilgesellschaft.

Manuel Navarrete Torres